Unicredit-Chef Andrea Orcel ist seinem Ziel, die Commerzbank zu übernehmen, deutlich näher gekommen. Mit dem Ablauf der Annahmefrist für das öffentliche Übernahmeangebot wurden dem italienischen Geldhaus ausreichend Aktien angedient, sodass die Unicredit künftig potenziell 47,6 Prozent der Commerzbank kontrollieren könnte.

Wie die Mailänder Großbank am Mittwoch (8.7.) mitteilte, wurden ihr bis zum Ablauf der Annahmefrist am 3. Juli 17,6 Prozent der Commerzbank-Aktien angedient. Mehr als fünf Prozent davon entfielen auf die zweiwöchige Nachfrist. Zusammen mit den bereits gehaltenen Aktien sowie in Aktien wandelbaren Derivaten kommt die Unicredit damit auf eine potenziell kontrollierbare Beteiligung von 47,6 Prozent.

Orcel auf Kurs zur Kontrolle
Für Orcel ist das ein wichtiger Etappenerfolg in einem inzwischen rund zweijährigen Übernahmepoker, der sowohl in Frankfurt als auch in Berlin auf erheblichen Widerstand gestoßen ist. Eine vollständige Übernahme wäre die größte Bankenfusion Europas seit rund zwei Jahrzehnten. Zugleich würde die Unicredit ihre Position auf dem deutschen Markt deutlich stärken und ihre Präsenz in Polen ausbauen.

Da erfahrungsgemäß nicht alle Aktionäre auf einer Hauptversammlung ihre Stimmrechte ausüben, könnte die Unicredit bereits mit einer Beteiligung unter 50 Prozent erheblichen Einfluss gewinnen. Somit dürfte Orcel künftig Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden und strategische Entscheidungen oder Veränderungen im Management vorantreiben können. Dem stehen allerdings weiterhin der Widerstand der Bundesregierung, von Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp sowie der Arbeitnehmervertreter entgegen.

Zustimmung der Aufseher steht noch aus
Bevor die Unicredit die angedienten Aktien übernehmen kann, sind noch mehrere regulatorische Genehmigungen erforderlich. Insbesondere muss die Europäische Zentralbank (EZB) zustimmen, dass die Bank ihren direkt gehaltenen Anteil auf mehr als 30 Prozent erhöht. Orcel rechnet damit, dass dieses Verfahren zwischen drei und sechs Monaten dauern wird.

Nach früheren Aussagen des Unicredit-Chefs könnte die EZB außerdem verlangen, die Commerzbank bereits ab dem Zeitpunkt einer faktischen Kontrolle vollständig in die Bilanz der italienischen Bank einzubeziehen. Das würde auch den Kapitalbedarf der Unicredit erhöhen.

Mehrere Szenarien bleiben möglich
Die Unicredit hatte im Vorfeld mehrere mögliche Ergebnisse ihres Angebots skizziert. Das erste Szenario – eine Beteiligung von rund 30 Prozent – wurde inzwischen deutlich übertroffen. Ein weiteres sieht vor, dass das Mailänder Institut die Kontrolle über die Commerzbank übernimmt und die Integration über ihre deutsche Tochter Hypovereinsbank (HVB) steuert.

Langfristig strebt Orcel weiterhin eine vollständige Fusion beider Institute an. Dafür müsste die Unicredit allerdings zusätzliche Aktien erwerben. Als Gegenleistung bot das Institut 0,485 eigene Aktien je Commerzbank-Aktie. Auf Basis des Schlusskurses vom Dienstag (7.7.) wurde die Commerzbank damit mit rund 43 Milliarden Euro bewertet.

Bundesregierung bleibt auf Distanz
Commerzbank-Chefin Orlopp hatte das Angebot wiederholt als zu niedrig zurückgewiesen. Sollte die Unicredit dauerhaft unterhalb einer Beteiligung von 50 Prozent bleiben, drohe ein "Leidensweg" durch strategischen Stillstand, warnte sie. Zudem befürchtet sie Ertragseinbußen.

Auch die Bundesregierung, die mit rund zwölf Prozent zweitgrößter Commerzbank-Aktionär ist, lehnt einen Verkauf ihrer Beteiligung weiterhin ab. Sie hat Orcel mehrfach aufgefordert, seine Übernahmepläne aufzugeben. Nach "Bloomberg"-Informationen hatten deutsche Regierungsvertreter Anfang des Jahres zudem informell Gespräche mit anderen europäischen Banken geführt, um einen alternativen strategischen Investor für die Commerzbank zu finden.

Weitere Schritte möglich
Wie es nun weitergeht, hängt maßgeblich von den Entscheidungen der Aufsichtsbehörden ab. Nach Erhalt der erforderlichen Genehmigungen könnte die Unicredit weitere Aktien über die Börse erwerben, ein neues Übernahmeangebot vorlegen oder bestehende Derivate in physische Aktien umwandeln.

Eine vollständige Übernahme hätte weitreichende Folgen. Orcel hat bereits angekündigt, mindestens 5.000 Stellen abbauen und das internationale Filial- und Geschäftsstellennetz der Commerzbank verkleinern zu wollen. Orlopp warnt hingegen, dies würde das Geschäftsmodell der Bank nachhaltig schwächen.

Auch unter Investoren wächst die Erwartung, dass die Übernahme letztlich gelingen könnte. "Es mag auf dem Weg noch Wendungen geben, aber die Richtung scheint immer klarer zu werden", sagte Cole Smead, der Chef von Smead Capital Management. "Das Endspiel könnte sich zwar noch über Monate hinziehen, doch es wird zunehmend schwer vorstellbar, dass es nicht in einer vollständigen Übernahme endet." (mb/Bloomberg)