Wohin sind die Millionen im Bilanzbetrug bei der Commerzialbank Mattersburg verschwunden? Die Beantwortung dieser Frage dürfte den Ermittlern noch einige schlaflose Nächte bereiten. Das zeigen die Zahlen, die anlässlich der zweiten Gläubigerausschusssitzung am Landesgericht Eisenstadt am Donnerstag (8. Oktober) auf den Tisch kamen.

Pro Jahr habe die Commerzialbank 20 Millionen Euro "echten Verlust" aus dem laufenden Geschäft erzielt, berichten die Masseverwalter Gerwald Holper und Michael Lentsch (Kosch & Partner Rechtsanwälte) im Anschluss an den Gerichtstermin in einer Aussendung. Zusätzlich seien seit 2010 insgesamt 156 Millionen Euro in bar oder mit Scheck ohne Rechtsgrundlage "aus der Bank getragen" worden. Davon konnten bis jetzt nur 57 Millionen zugeordnet werden: Sie flossen laut den Angaben auf verschiedene Weise an den SV Mattersburg, wurden zur Bedienung fiktiver Kredite oder zur Aufbesserung des Gastronomiebetriebs des SV Mattersburg verwendet. Der Verbleib der restlichen 99 Millionen ist noch immer gänzlich ungeklärt, wie es heißt.

Extrem aufwändige Suche
Die Suche nach dem verlorenen Geld gestalte sich "extrem aufwändig", weil ein Großteil der (mutmaßlich weitgehend betrügerischen) Kreditakte als Handakte geführt wurde, so Holper und Lentsch. Insgesamt sind laut den Angaben 689,2 Millionen Euro an Luftbuchungen bekannt. Der Großteil davon sind nicht existente Einlagen bei anderen Banken im Wert von 424,4 Millionen Euro, die Vorstands-Chef Martin Pucher und seine mitbeschuldigte Vorständin verbucht haben. Beide kooperieren mit den Behörden – es gilt die Unschuldsvermutung. Dazu kommen 177,7 Millionen Euro an fiktiven Kredite, so wie zu niedrig verbuchte Termineinlagen (85,5 Millionen Euro) und Spareinlagen (1,6 Millionen Euro), wie die Masseverwalter erklären.

Für die Gläubiger bleibe nach derzeitigem Stand kaum verwertbares Vermögen. Schulden von 868,9 Millionen Euro stehen Werte von 163,4 Millionen Euro (ohne Berücksichtigung von Schadenersatzforderungen) gegenüber. "Die Bank ist also nach derzeitigem Stand mit 705,5 Millionen Euro überschuldet", so Holper und Lentsch. Damit ist die Überschuldung deutlich höher als nach einem ersten Zwischenbericht im Juli, wo von einem Loch von rund 528 Millionen Euro ausgegangen wurde.

Notleidende Kredite in Höhe 56 Millionen Euro
Schuld an den geringen Vermögenswerten sind übrigens nicht nur die betrügerischen Vorgänge, wegen derer die FMA am 14. Juli die Bank zusperrte. Auch das "echte" Kreditgeschäft sucht seinesgleichen: So sind von den insgesamt 141 Millionen Euro, die an wirkliche Geschäftskunden vergeben wurden, Kredite im Ausmaß von 56 Millionen Euro notleidend, also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einbringlich. Um wie viele Kunden es geht, sagen die Masseverwalter nicht. Jedenfalls ergibt sich aus der Kreditsumme eine Non-Performing-Loan-Rate (NPL-Rate) von 40 Prozent aller Geschäftskredite. Rund das Zehnfache des europäischen Bankendurchschnitt, wie die Masseverwalter anmerken.

Bisher haben 373 Gläubiger Forderungen von 812 Millionen Euro angemeldet. Davon beansprucht allein 488 Millionen Euro die Einlagensicherung für sich. Sie genießt bei der Verteilung der Masse den Vorzug.

"Versagen des nationalen Banken-Aufsichtssystems"
Chancen für die Gläubiger, Geld wiederzusehen, gibt es angesichts der kaum vorhandenen Vermögensbasis nur auf dem Klagsweg. Bereits in einem Gespräch für die soeben erschienene Printausgabe von FONDS professionell hatte Lentsch eine Amtshaftungsklage gegen die Republik Österreich angekündigt. Er sieht ein "Versagen des nationalen Banken-Aufsichtssystems" und erwähnt besonders die bereits vor Jahren vorgebrachten detaillierten Whistleblower-Meldungen. Geprüft werde ein mögliches Fehlverhalten nur für die letzten zehn Jahre. In diesem Zeitraum seien betriebliche Verluste und anderweitige Abflüsse von rund 303 Millionen Euro entstanden. Die Rechtslage sehe vor, dass diesen Anspruch nur die Masseverwalterin geltend machen könne, so die Kanzlei in der Aussendung.

Aktuell heißt es, man prüfe darüber hinaus auch eine Schadenersatzklage gegen das Land Burgenland – seit 1995 der verantwortliche Revisionsverband für die Genossenschaft, dem die Bank gehört. Das Land sprang ein, nachdem die Genossenschaft aus dem Raiffeisensektor ausgeschieden war und daher keinen Revisionsverband mehr hatte. Hintergrund des Ausscheidens ist, dass die Raiffeisen-Revision bereits 1995 die Abberufung von Bankchef Martin Pucher verlangt hatte. Gegen den Wirtschaftsprüfer TPA, der die Bank seit 2006 prüfte, haben die Kanzlei bereits Klage eingereicht.

Ermittlungen ausgeweitet
Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat inzwischen ihre Ermittlungen im Fall Mattersburg von kürzlich noch zwei auf sieben Beschuldigte ausgedehnt, darunter auch einen Verband. Alleine in der Vorwoche fanden zwölf Hausdurchsuchungen bei Privatpersonen und Unternehmen statt, berichtet das Regionalmedium BVZ. (eml)