Brexit-Sorgen überlässt Paul Smith anderen. Während zahlreiche Branchenbeobachter den Abgesang auf die City of London anstimmen, sieht der Chef des Investmentmanager-Verbands CFA in dem beschlossenen EU-Austritt Großbritannniens langfristig eine Chance für Europas Finzandrehkreuz Nummer eins. "Man kann es auch so sehen, dass der Wegfall der Brüsseler Regulierung ein Befreiungsschlag wird. London kann ein viel besserer Finanzplatz werden mit weniger Regulierung", sagt Smith im Gespräch mit dem "Handelblatt".

Seiner Ansicht nach habe sich Brüssel ohnehin nie richtig für die Finanzbranche eingesetzt. "Fintechs werden auf jeden Fall auch sehr gute Rahmenbedingungen vorfinden. Aber bis dahin haben wir eine Durststrecke zu überwinden, die drei oder vier Jahre dauern kann." Für die Asset-Management-Zunft als Ganzes erkennt der Investmentkenner aber auch einige existenzielle Fragen am Horizont heraufziehen.

An den Börsen finde ein Paradigmenwechsel statt. Immer mehr Projekte würden privat finanziert und nicht mehr über die Kapitalmärkte, stellt Smith fest,  "Es gibt weniger IPOs und Erstemissionen, das verändert die Aufgaben der Börsen. Sie werden sich mehr auf den Handel fokussieren müssen, weniger auf die Beschaffung von Kapital", erklärte er im Gespräch mit dem "Handelsblatt". Kleinanleger würden immer weniger am Primärgeschäft bei Aktien- und Anleiheemissionen teilhaben, ist Smith überzeugt. "Sie werden sich auf die Fondsangebote beschränken. Das ist auch ein Grund, warum passive Produkte so eine steile Karriere hingelegt haben."

Schiere ETF-Hysterie
Grundsätzlich findet Smith das Ausmaß des ETF-Booms bedenklich. "Es gibt bereits viel zu viele Produkte. Genau genommen braucht man zum Beispiel nur einen ETF für den Dax – nicht hundert." 

Allerdings räumt er kritisch ein, dass viele aktive Manager oft zu hohe Gebühren für ihre Leistungen verlangen. Einige betrieben sogar Etikettenschwindel, weil sie eigentlich passive Anlagestrategien als aktive verkaufen. "Die Branche muss sich auf weniger Produkte konzentrieren und die Gebühren senken. Das wird natürlich den Druck auf die Gewinnmargen erhöhen, aber da führt kein Weg dran vorbei", ist Smith gewiss.

Quantität oder Kreativität
Der Investmentprofi geht davon aus, dass sich die Konsolidierung in der Fondsbranche nicht zuletzt wegen des omnipräsenten Margendrucks bereits in Bälde stark beschleunigen wird. Die gerade erst angekündigte Fusion von  Aberdeen und Standard Life dürfte nur ein Mosaikstein in einem viel größere Puzzle sein. "Die großen Vermögensverwalter werden noch größer, und dann gibt es die kleinen, kreativen Angreifer. Die wachsen auch", sagte er im Interview. Für mittelgroße Vermögensverwalter sieht Smith dagegen keine Zukunft: "Die sind in der Todeszone. Da ist man bloß Haifischfutter." (fp/ps)