Branchenkenner: "Hier findet ein Paradigmenwechsel statt"
Die Fondsbranche steht unter Druck. Doch dank neuer Technologien können klassische Anbieter gegen die passive Konkurrenz bestehen, meint Kamil Kaczmarski von Oliver Wyman. Er beobachtet ein radikales Umdenken – und verrät, wie viel der Einsatz künstlicher Intelligenz im Vertrieb einsparen kann.
Die Asset-Management-Branche versucht, ihre Wirtschaftlichkeit deutlich zu steigern. Dies sagt Kamil Kaczmarski, Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman, im Gespräch mit FONDS professionell. "Viele Asset Manager haben bereits ihre Hausaufgaben erledigt und die Betriebsmodelle auf Effizienz und Effektivität überprüft", sagt der Branchenkenner. "Nun beobachten wir geradezu eine Welle von Effizienzmaßnahmen, die vor allem von Technologie und künstlicher Intelligenz getrieben wird."
So würden die Asset Manager derzeit eingehend prüfen, welche Implikationen sich durch den Einsatz von ChatGPT, Gemini & Co. entlang der Wertschöpfungskette ergeben. "Für viele Asset Manager zählt KI nicht mehr nur als Hobby einiger Angestellter, sondern erreicht eine signifikante Bedeutung für das Geschäftsmodell", erläutert Kaczmarski. "Hier findet ein Paradigmenwechsel statt." Mithilfe von KI würden sich Ressourcen gezielter einsetzen oder manche Aufgaben weitgehend automatisieren lassen.
Effizienzgewinne durch KI im Vertrieb
Als Anwendungsfelder für KI nennt der Experte etwa das Verfassen von Marktberichten, die Vorbereitung von Anlageausschusssitzungen oder die Beantwortung von Fragen zum Reporting oder der Performance im Servicebereich. Im Portfoliomanagement wiederum kann mithilfe von quantitativen Ansätzen und Unterstützung durch KI das Anlageuniversum verdichtet werden, ergänzt Kaczmarski. Die fundamentale Analyse setze dann gezielt dort an, wo sich ein Mehrwert erzielen lasse.
"Im Vertrieb lassen sich mithilfe von KI etwa 20 bis 25 Prozent an Effizienzgewinnen erzielen", meint der Branchenkenner. Auch an nachgelagerten Stellen könne KI Kosten senken. "Ein großes Thema war hier das Outsourcing, was sich aber oftmals als Nullsummenspiel erwiesen hat", so Kaczmarski. Asset Manager haben Teile der Verwaltung und Abwicklung an Dienstleister ausgelagert, um Kosten zu sparen. Doch die externen Anbieter verlangen natürlich Geld. "Im Vordergrund steht hier nun eher die Frage, auf welche Kompetenzen sich ein Haus konzentrieren möchte."
IT-Patchwork abgelöst
Auch bei der technologischen Basis beobachtet Kaczmarski ein Umdenken. "Asset Manager bereinigen zunehmend ihre IT-Plattformen und fokussieren sich auf ein bis zwei Software-Anbieter, die den Großteil ihrer Anforderungen abdecken", berichtet der Berater. "Die Fondsgesellschaften lösen die über die Jahre gewachsenen Patchwork-Lösungen immer mehr ab. Dies ist eine überfällige Wende hin zu Software-Lösungen aus einem Guss."
Mit welchen Strategien Asset Manager in dem durch die passive Konkurrenz forcierten Preiskampf bestehen wollen, lesen Sie in Ausgabe 2/2026 von FONDS professionell oder nach Anmeldung hier im E-Magazin.
Bislang hielten die Investmenthäuser tendenziell an dem gewachsenen Flickwerk aus bestehenden, aber ineffizienten Systemen fest – schlichtweg weil die Kosten einer Umstellung höher waren als die Effizienzgewinne. Doch hier können die Fondshäuser auf Unterstützung bauen. "Software-Anbieter beweisen wirklich Mut und tragen einen Teil der Migrationskosten, um den Asset Managern die Bedenken gegenüber einem Umstieg auf ein neues IT-System zu nehmen."
Gute Zeiten vorbei
Hintergrund dieses Schwenks ist die veränderte Marktlage, welche die verschiedenen Segmente der Investmentwelt erfasst. "Insbesondere im Immobilien-Bereich versuchen Asset Manager, die Kosten zu senken", berichtet Kaczmarski. Die guten Zeiten, in denen es viele Immobilien-Transaktionen und eine hohe Nachfrage gab, seien vorbei. "Gerade in diesem Feld müssen sich die Aufwendungen der neuen Realität anpassen", so der Oliver-Wyman-Experte. "Dies zieht Umstrukturierungen und Anpassungen nach sich."
Wettbewerb mit passiven Produkten
Aber auch in den anderen Feldern des Asset Managements vollzieht sich ein Wandel. "Kapital fließt heutzutage entweder in Produkte mit einem hohen Grad an aktivem Management, sei es in liquiden oder illiquiden Anlageklassen, oder in kostengünstige, passive Strategien", beobachtet Kaczmarski. Diese Zweiteilung der Branche wird oftmals mit einer Hantel vergleichen, bei der die beiden Enden immer dicker werden.
Darauf müssen die Investmenthäuser nicht nur über eine Anpassung ihres Betriebsmodells, sondern auch auf der Produktseite reagieren. "Viele Fondsanbieter, die über Kompetenzen im quantitativen Management verfügen, legen verstärkt aktive, aber günstige Strategien auf", berichtet der Experte. "Durch den Einsatz von Technologie und KI sinken die Produktionskosten, sodass sie in der Lage sind, im Wettbewerb mit passiven Produkten zu punkten."
Offensiv oder defensiv bei ETFs
Bei der Auflage von ETFs müssten sich Asset Manager zwischen zwei Strategien entscheiden. "Auf der einen Seite können sie offensiv im Markt auftreten, indem sie Produkte mit niedrigen Gebühren auflegen und damit kostenbewusste Anleger ansprechen", so der Berater. "Dieser Weg ist mit passiven oder quantitativen Strategien möglich, bei denen die Produktionskosten niedrig ausfallen."
Auf der anderen Seite stehe ein defensiver Ansatz. "Dabei legen Anbieter mit einer Historie im aktiven Management aktive ETFs auf, um den Markttrend nicht zu verschlafen", sagt Kaczmarski. "Da hierbei jedoch ein Kannibalisierungsrisiko für bestehende Produkte besteht, orientiert sich das Gebührenniveau hier an dem traditioneller Publikumsfonds."
Konsolidierungswelle erwartet
Die genannte Umwälzungen werden jedoch auch grundsätzlich das Gefüge der Branche verändern. "Den Akteuren in der Fondsbranche ist bewusst, dass sie Größe benötigen, um Skaleneffekte zu erzielen und relevant für die Kunden zu bleiben", stellt Kaczmarski fest und folgert: "Wir erwarten daher in den nächsten Jahren eine Konsolidierungswelle im Asset Management." (ert)















