"Viele Banken betreiben selbst Wertpapierhandelsplattformen, sind aber weniger streng reguliert", kritisiert Boschan in einem Interview mit der APA. "Der Börse ist es bisher regulatorisch verboten, die gleichen attraktiven Kursstellungen wie die Bankensysteme anzubieten. Fairer Wettbewerb sieht anders aus", so Boschan. Da es keine Chancengleichheit gebe, seien die Börsen zu schlechteren Preisregimen gezwungen.

Wie eine Börsensprecherin auf Nachfrage erklärte, habe sich Boschan auf die sogenannten Systemetischen Internalisierer (SI) bezogen, denen jüngst die ESMA Erleichterungen im außerbörslichen Handel zugestanden hat. SI sind gemäß Mifid II Banken oder Wertpapierfirmen, die häufig Kundenaufträge außerhalb von geregelten Märkten durchführen, wobei sie eigene Quotes stellen und das Risiko auf die eigenen Bücher nehmen – sprich einen eigenen Handelsplatz betreiben. Knapp gesagt, können sie auch als interne Handelsplätze bezeichnet werden: Eine Bank kann Aufträge der Kunden auf verschiedenen Ausführungsplätzen, die sie für gut erachtet, platzieren: auf geregelten Märkten genauso wie auf multilateralen Handelssystemen oder eben als systematischer Internalisierer.

Konkret geht es dabei um eine Lockerung, die den SI beim sogenannten "Tick Size"-System, das ebenfalls in der Mifid-II-Regulierung verankert ist, eingeräumt wurde. Der Tick Size-Regelung zufolge sind seit Beginn 2018 sämtliche europäischen Börsen einheitlichen fixen Limit-Schritten (Tick Sizes) für den börslichen Handel unterworfen. Im außerbörslichen Geschäft gilt das aber nicht in vollem Umfang. Hier können die Preisintervalle variabeler gestaltet werden, womit eine Bank als SI den Kunden Preisvorteile einräumen könnte. Die angefragten Banken waren sich selbst noch nicht ganz sicher, welches Ausmaß diese Lockerungen in der Praxis bedeutet.

Wachstum 2018
Die Börse selbst kann sich über das zuende gehende Jahr 2018 an sich nicht beklagen. Man habe sich als "Drehscheibe mit bester Handelsqualität und internationalem Netzwerk" behaupten können, so Boschan in einer Aussendung.

Der Aktienumsatz stieg laut den Angaben im Jahresverlauf per 14. Dezember 2018 auf 67,97 Milliarden Euro (14. Dezember 2017: 63,95). Mit 86 Prozent stammt der Löwenanteil dabei von internationalen Börsenmitgliedern. An international wichtigen Terminen wie dem Quartalsverfallstag verdreifacht sich das Handelsvolumen. Spitzenreiter Morgan Stanley tätigte 2018 insgesamt 12,53 Prozent der Börsen-Umsätze in Wien. Zu den stärksten Handelsteilnehmern zählen weiters Merrill Lynch (8,22 Prozent), J.P. Morgan (7,84 Prozent), Société Générale (6,67 Prozent) und Raiffeisen Centrobank (6,21 Prozent). Unter den Käufern österreichischer Aktien sind vor allem Großanleger aus den USA, Österreich, Großbritannien, Norwegen und Frankreich.

Angebot ausgeweitet: Kurszettel verlängert
2017 und 2018 wurden über 570 internationale Blue Chips aus 24 Ländern ins Segment "global market" nach Wien geholt. An der Wiener Börse sind so viele Aktien wie nie zuvor handelbar. Heimische Anleger können aus insgesamt 785 Beteiligungswerten (z.B. Aktien oder ETFs) wählen, darunter 711 internationale und 74 heimische Titel. Bei großen Börsengängen kommen regelmäßig neue Blue-Chips hinzu, so wie gestern die japanische SoftBankCorp. Das internationale Segment komme gut an und stieg zum zweitstärksten Börsensegment nach dem prime market auf, heißt es.

670 Neunotierungen bei Anleihen
Im Anleihen-Sektor verzeichnet die Wiener Börse verstärkt Zulauf europäischer Emittenten. Per 14. Dezember sei mit 3.651 notierten Anleihen ein neuer Höchststand erreicht worden (Dezember 2017: 3.594). Von den über 670 Neunotierungen stammt mehr als ein Drittel von internationalen Emittenten.

Ausblick 2019
Die Wiener Börse startet am 21. Jänner 2019 mit einer vereinfachten Marktsegmentierung. Im neuen Segment "direct market plus" bekommen KMU, die einen einfachen, schnellen Börseneinstieg anstreben, eine Plattform. Mehrere heimische Unternehmen würden den Börsegang für 2019 anstreben.

Neu ist auch, dass an vier ausgewählten Feiertagen Börsenhandel stattfindet: An Christi Himmelfahrt (30. Mai 2019), Fronleichnam (20. Juni 2019), Mariä Himmelfahrt (15. August 2019) und Allerheiligen (1. November 2019) kann regulär gehandelt werden. Damit gleicht die Wiener Börse ihre Öffnungszeiten an den europäischen Standard an. (eml)