Ein möglicher Deal stand schon länger im Raum, nun ist es fix: Die Österreichische Post AG übernimmt von der ING Österreich jene verbliebenen 150.000 "einträglichen" Privatkunden, die Produkte abseits von Sparkonten besitzen. ING hatte heuer im März den Abschied aus dem österreichischen Privatkundengeschäft bekannt gegeben und den Kunden, die nur ein Sparkonto hatten, bereits per Juni gekündigt.

Vorbehaltlich der behördlichen Genehmigung übernimmt die Bank99 nun bis Ende 2021 neben den Kunden auch sämtliche Produkte und alle der rund 340 Mitarbeiter aus dem Privatkundenbereich der ING. Ein Übernahmepreis wurde nicht mitgeteilt.

Bank99 muss Produktangebot erweitern
Damit wird die Bank99 ihre Produktpalette schneller erweitern als ursprünglich geplant. Die junge Bank, die im Jahr 2020 startete, ging heuer erstmals in den Kreditbereich und wollte im zweiten Halbjahr eigentlich erst mit "einer selektiven Auswahl" an ETFs im Fondsvertrieb loslegen. Nun kommen aber zahlreiche Fondskunden der ING dazu, die bereits auf eine Reihe an aktiven Fondsanbietern zurückgreifen können.

Es werde mit der Übernahme bei der Bank99 "zusätzliche Angebote für Depot und Immobilienfinanzierung" geben, heißt es. Ob alle Fondsanbieter-Kooperationen der ING langfristig weitergeführt werden, darauf antwortete die Bank99 bis Redaktionsschluss nicht. Die Bank99 (früher Brüll Kallmus) kommt aus dem Grawe-Konzern – die Post AG brauchte 2019 nach Auflösung ihrer langjährigen Bawag-Kooperation eine Bankpartnerin und übernahm 80 Prozent an Brüll Kallmus, der nunmehrigen Bank99, 20 Prozent gehören weiter Grawe Bankengruppe. Grawe ist bereits Produktpartnerin der Bank99 im Versicherungsbereich – würde aber mit der Security KAG auch einen eigenen Fondsanbieter besitzen.

Sparkunden bereits gekündigt
Beim Geschäft, das die Bank99 nun übernimmt, handelt es sich um Kunden, die bei der ING mindestens ein Produkt abseits eines reinen Sparkontos haben. Jenen gut 430.000 Kunden, die nur ein Sparkonto hatten, wurde schon per Juni gekündigt; ihnen wurde das Geld auf ein angegebenes Konto oder auf die Referenzbank überwiesen. Diese Klientel konnte nicht verkauft werden.

ING hatte in Österreich im Jahr 2004 als reiner Sparkontoanbieter begonnen. Girokonten oder andere Produkte wie Fonds und Kredite kamen erst später dazu. Die hohe Zahl an ausschließlichen Sparkunden erwiesen sich in dem nachhaltigen Tief- und Minuszinsumfeld, wo Banken für Einlagen bei der EZB selbst Zinsen zahlen müssen, als Klotz am Bein. Dies war schließlich auch der Grund, warum sich die ING aus Österreich zurückzieht. In Österreich dürfen privaten Sparkunden keine "Negativzinsen" verrechnet werden.

Online-Kunden bekommen stationäres Service
"Mit der Integration in die Bank99 bekommen unsere Kunden auf Anhieb noch mehr Service und können je nach Belieben zwischen analog und digital wählen", so Barbaros Uygun, CEO der ING in Österreich, die ein Teil des niederländischen Finanzkonzerns ING ist. Die ING (früher ING Diba) war in Österreich eine reine Online-Bank. Die Bank99 wiederum, die ihre Services auch in den Post- und Postpartnergeschäften anbietet, kommt landesweit nach Eigenangaben auf 1.800 analoge Geschäftsstellen und sieht sich als "Bank-Nahversorgerin". Post-AG-Chef Georg Pölzl hob den "kräftigen Wachstumsschub" hervor. Die Kundenbasis der Bank99, die zuletzt mit gut 70.000 angegeben wurde, wird durch den Deal mehr als verdreifacht.

Bis zur vollständigen Übernahme werden die Geschäfte von der ING weitergeführt. Die ING will sich hierzulande künftig nur noch auf Firmenkunden konzentrieren. Nach wettbewerbsrechtlicher und regulatorischer Prüfung werden alle Produkte und Services auf die Bank99 übertragen. Für Kunden bestehe kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Was der Wechsel für die Konditionen bedeutet, konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden. (eml)