Wer seinem Arbeitgeber treu bleibt, macht was falsch. Dieses Bild suggeriert gerade die Lage an der Wall Street. Immer häufiger ködern dort ansässige Banken Top-Talente mit Startgehältern im achtstelligen Bereich, um den Wechsel zu versüßen, berichtet "Bloomberg". In Hochphasen der Pandemie hätten viele sich gescheut, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, nun stellen Personalberater eine Aufbruchstimmung fest. Auch die "Black Lives Matter"-Bewegung und daraus resultierende Vorhaben, bei der Rekrutierung von Mitarbeitern mehr auf Diversität zu achten, heizt die Konkurrenzsituation zwischen den Arbeitgebern weiter an, meint "Bloomberg" erkannt zu haben.

Allerdings ist Geld für viele Jobsuchende oder Wechselwillige nicht mehr unbedingt das Hauptargument für oder gegen einen Job, zitiert "Bloomberg" aus Gesprächen mit Karriere-Coaches und Personalberatern. Viele Banker sind es leid, so viel zu arbeiten, dass keine Zeit mehr für Privates bleibt. Abgeworben wird nun also allerorten. Selbst Branchengrößen wie JPMorgan Chase & Co. müssen aufpassen, dass ihnen Talente nicht weggeschnappt werden. Die Abgangsraten in vielen Geschäftsbereichen der Bank liegen laut Beobachtern um mehrere Prozentpunkte über dem Niveau vor der Pandemie.

Lockangebote oben, Frust unten
Die dicken Einstellungspakete kommen laut einem Personalvermittler in erster Linie von Hedgefonds, SPACs und Private-Equity-Firmen. Er beobachtet laut "Bloomberg" manchmal "regelrechte Auktionen" bei der Rekrutierung von Top-Personal. Auf subalternen Leveln treibt die Mitarbeiter indessen eher der Frust beziehungsweise die generelle Sinnfrage aus den Geldhäusern als lukrative Angebote von Wettbewerbern. Denn für Händler und Investmentbanker hat Corona teils zu längeren Arbeitszeiten bei Doppelbelastung mit Kinderbetreuung und steigenden privaten Ausgaben geführt - ohne entsprechenden Lohnausgleich. (fp)