Kleine, innovative Technologiefirmen ebenso wie die großen Online-Riesen Amazon, Google oder Apple stehen davor, die Finanzindustrie umzukrempeln. Wie sich Fondsgesellschaften auf diese Veränderungen einstellen und welche Chancen der Wandel birgt, erläutert Jacqueline Hunt von der Allianz. Sie ist im Vorstand des Versicherungsriesen für das Asset Management zuständig und leitet damit die strategische Ausrichtung des weltgrößten Anleihenmanagers Pimco und des Fondshauses Allianz Global Investors.

Frau Hunt, in der Fondsbranche verläuft der Datenaustausch zum Teil immer noch über den E-Mail-Versand von Excel-Dateien. Bis zum Einsatz von Blockchain & Co. scheint es noch ein langer Weg zu sein. Wie weit ist die Entwicklung im Asset Management der Allianz gediehen?

Jackie Hunt: Tatsächlich liegt bei der Digitalisierung ein sehr langer Weg vor der Fondsindustrie. Aber es ist ein Pfad mit vielen verschiedenen Abzweigungen, die alle zum Ziel führen können. Einige Finanzdienstleister haben sich bereits auf die Reise begeben. Wir selbst setzten bei dem an, was wir am besten können: Investmentvorschläge zu unterbreiten. AGI bietet etwa Themenfonds auf Technologie, Automatisierung oder künstliche Intelligenz.

Nutzen Sie neue technischen Möglichkeiten auch, um Anlageentscheidungen zu treffen?

Hunt: Sowohl bei Pimco als auch bei AGI loten wir aus, wie wir neue Technologien im Portfoliomanagement einsetzen können. Als aktive Manager zählt der Umgang mit Daten zu unserem Brot-und-Butter-Geschäft. Wir prüfen, wie wir Daten nutzen und welche alternative Quellen wir erschließen können: von Satelliten- und Wetterauswertungen über Beladungsangaben von Öltankern bis hin zu Verkaufszahlen von Online-Shops. Die Herausforderung dabei ist nicht ein Mangel an Daten, sondern ein Überangebot. Da stellt sich die Frage, wie wir Ergebnisse daraus destillieren, die tatsächlich einen Mehrwert liefern.

Setzen Sie im Vertrieb und in der Verwaltung auch auf Automatisierung?

Hunt: Im Frontoffice sind die Samen gelegt. Sie beginnen langsam zu keimen. Eine andere Frage ist das Middle- und Backoffice. Hier überlegen wir, wie wir Prozesse effizienter gestalten, etwa durch Robotik. Zudem prüfen wir, wie wir durch Datenanalysen unseren Vertriebspartnern passgenauere Angebote unterbreiten können. Auch Fragen der Sicherheit, also der Cybersecurity, stellen sich. Einzelne Bereiche, etwa die Blockchain, werden wiederum vor allem die Verwahrstellen betreffen. Wir sollten uns jedoch nicht zu sehr auf eines der Elemente versteifen. Denn die Veränderung ergreift sämtliche Bereiche der Wertschöpfung. Es liegt ein langer Weg vor uns und wir haben eine immense Aufgabe zu bewältigen.


Wie die Allianz-Vorständin Jackie Hunt den Vertrieb hierzulande ausbauen will, was sie von der Konkurrenz durch börsengehandelte Indexfonds (ETFs) hält und warum sie die beiden Marken Allianz Global Investors und Pimco nicht zusammenlegen würde, lesen Sie im vollständigen Interview in FONDS professionell 2/2019 ab Seite 188 oder hier im E-Magazin.


Verdrängt Robo Advice die Beratung von Mensch zu Mensch?

Hunt: Schauen Sie sich die Gruppe an, die selbst in Finanzdingen entscheidet. Sie ist sowohl digital als auch in Finanzfragen bewandert. Diese Gruppe wird zwar wachsen. Demgegenüber wird es aber immer einen Teil der Bevölkerung geben, der nicht so gut mit finanziellen Angelegenheiten vertraut ist. Diese Menschen werden ihre Geldanlage nicht selbst in die Hand nehmen, sondern Rat suchen – online oder persönlich. Der Weg, wie Beratung erteilt wird, mag sich im Laufe der Zeit ändern. Einige werden Rat vielleicht nur online einholen, der Großteil wird aber über verschiedene Wege gehen und auch persönlich mit einem Berater sprechen wollen. Ein Omnikanal-Modell sehe ich daher als den Weg in die Zukunft.

Kann eine Finanzberatung über digitale Kanäle tatsächlich das Vertrauen der Menschen gewinnen?

Hunt: Finanzdienstleistungen fußen zweifellos auf dem Grundstein des Vertrauens. Die Frage aber, ob Menschen mehr der Technologie oder mehr anderen Menschen vertrauen, ist komplizierter. Ich stieß dazu auf eine eindrückliche Umfrage. Diese ergab, dass Erwachsene mehrheitlich ein Taxi mit Fahrer einem fahrerlosen Fahrzeug vorziehen. Auf die Frage aber, ob sie ihre Kinder lieber von einem Taxifahrer oder einem selbststeuernden Auto abholen lassen würden, antwortete die Mehrheit: mit dem fahrerlosen Taxi. Vertrauen steht also stets in einem bestimmten Zusammenhang. Bei der Frage der Technologienutzung geht es meiner Meinung nach nicht allein um Vertrauen, es geht mehr um Benutzerfreundlichkeit.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)