Der Angriff auf das mit Bitcoin verbundene Liquid Network wirft neue Fragen zur Sicherheit der Krypto-Infrastruktur auf. Zwar wurde der Großteil der erbeuteten Bitcoin zurückgegeben. Der Vorfall zeigt jedoch, dass nicht nur Blockchains selbst, sondern vor allem die darauf aufbauenden Systeme angreifbar sind.

Der Hack im Umfang von 320 Millionen US-Dollar trifft die Kryptobranche in einer Phase, in der sie Banken und institutionelle Investoren von digitalen Vermögenswerten als Bestandteil der etablierten Finanzinfrastruktur überzeugen will. Liquid wurde entwickelt, um Bitcoin für Handel und Abwicklung besser nutzbar zu machen. Der Angriff lenkt den Blick nun auf Risiken bei Wallets, Verwahrung und Transaktionssystemen.

Großteil der Bitcoin zurückgegeben
Nach Angaben von Liquid wurden rund 4.000 Bitcoin und damit etwa 95 Prozent der Bestände in der wichtigsten Wallet abgezogen. Das Netzwerk sprach von sogenannten White-Hat-Hackern, die Sicherheitslücken aufdecken und erbeutete Vermögenswerte üblicherweise gegen eine Vergütung zurückgeben.

In diesem Fall flossen 3.400 Bitcoin zurück. Bitcoin im Wert von rund 47 Millionen Dollar behielten die Angreifer jedoch ein, wie Alex Thorn, Forschungschef des Kryptounternehmens Galaxy Digital, erklärte. Der Autorisierungsschlüssel der für den Angriff genutzten Abwicklungsplattform wurde Liquid zufolge nicht kompromittiert. Der Fall verdeutlicht damit, dass die zugrunde liegende Blockchain weiterhin funktionieren kann, während die darauf aufbauenden Systeme versagen.

Zahl der Angriffe steigt
Nach Daten von Defillama haben Hacker 2026 bislang rund 1,4 Milliarden Dollar bei 250 Angriffen erbeutet. Im Gesamtjahr 2025 waren es 2,7 Milliarden Dollar bei 146 Attacken. Der bislang entwendete Gesamtbetrag ist damit zwar niedriger, die Zahl der Vorfälle aber deutlich gestiegen.

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Brücken und Cross-Chain-Infrastrukturen. Diese ermöglichen es, Token oder Informationen zwischen unterschiedlichen Blockchains zu übertragen. Im laufenden Jahr entfielen 26 Angriffe und damit mehr als zehn Prozent aller registrierten Attacken auf diesen Bereich. 2025 hatte Defillama lediglich drei derartige Fälle erfasst.

Zu den weiteren größeren Vorfällen dieses Jahres zählen Attacken auf Kelp DAO und Drift Protocol, bei denen zusammen 588 Millionen Dollar verloren gingen. Erst in der vergangenen Woche wurden zudem sechs Millionen Dollar aus einer mit Crypto.com verbundenen Plattform für Kryptokredite abgezogen.

Herausforderung für Banken und Investoren
Nach Einschätzung von Nikhil Raghuveera, Chef des Blockchain-Compliance-Anbieters Predicate, zeigen die fortgesetzten Angriffe, dass dezentrale Finanzanwendungen die institutionellen Standards etablierter Finanzmärkte noch nicht erfüllen. Blockchains eigneten sich zwar gut für die finanzielle Abwicklung, die sie umgebende Infrastruktur sei jedoch weiterhin anfällig.

Auch Ziqing Ang vom Analysehaus TRM Labs sieht die Schwachstellen vor allem auf der operativen und infrastrukturellen Ebene und weniger in den grundlegenden Konsensmechanismen der Blockchains.

Für Banken reicht es daher nicht aus, ausschließlich die Sicherheit einer Blockchain zu prüfen. Bei tokenisierten Einlagen oder Wertpapieren müssen sie auch Verwahrungssysteme, Smart Contracts, Abwicklungsmechanismen und die für die Kontrolle der Vermögenswerte verantwortlichen Unternehmen bewerten. Eine einzelne Schwachstelle kann mehrere Börsen, Wallet-Anbieter und Liquiditätsgeber treffen, selbst wenn deren eigene Systeme nicht gehackt wurden.

Institutionelle Akzeptanz könnte gebremst werden
Dass der Großteil der gestohlenen Bitcoin zurückgegeben wurde, ändert nach Ansicht von Aneirin Flynn, Chef des Cybersicherheitsunternehmens Failsafe, nichts an der Art des Risikos. Ebenso gut hätte eine kriminelle Gruppe ohne Rückgabeabsicht die Schwachstelle ausnutzen können.

Der Vorfall verdeutlicht damit ein Paradox: Kryptowährungen wurden entwickelt, um die Abhängigkeit von vertrauenswürdigen Intermediären zu verringern. Ihre institutionelle Zukunft hängt jedoch zunehmend vom Vertrauen in die Infrastruktur rund um die Blockchains ab. Mögliche Folgen sind strengere Sicherheitsanforderungen, eine höhere Nachfrage nach Versicherungen und Kapitalpuffern, eine stärkere Diversifikation bei Verwahrern und Abwicklungssystemen – oder eine langsamere institutionelle Verbreitung. (mb/Bloomberg)