Felipe Sinisterra und Dave Wang verdienen viel Geld damit, Wall-Street-Bankern zu erklären, was in deren KI-Strategien fehlt. An einem Nachmittag im März sprachen die beiden Trainer aus der Finanzbranche vor Mitarbeitern eines Venture-Capital-Fonds in New York. Der 31-jährige Wang zeigte, wie sich Gemini, das KI-Modell der Alphabet-Tochter Google, zur Analyse von Pitch-Videos von Gründern einsetzen lässt. Er demonstrierte zudem, wie eine Webanwendung mit Verhaltensanalyse-Methoden des FBI dabei helfen kann, Transkripte mit visuellen Signalen wie Körpersprache und Mimik abzugleichen, um potenzielle Warnsignale zu erkennen.

Der 30-jährige Sinisterra erklärte anschließend, wie sich Transkripte von Analystenkonferenzen mit ChatGPT von OpenAI und Claude von Anthropic durchsuchen lassen, um besonders marktbewegende Aussagen zu identifizieren. Die Software führte Stimmungsanalysen durch und übersetzte die gesprochenen Aussagen des Managements in numerische Tabellenwerte zur Prognose künftiger Finanzdaten. Die Teilnehmer sahen, wie KI einige der arbeitsintensivsten Teile ihrer Tätigkeit effizienter machen kann.

Die Rechnung für den Tag belief sich auf 25.000 Dollar. Zudem sind die beiden für zwei Monate ausgebucht.

Banken bauen Stellen ab und investieren in KI
"Was derzeit geschieht, ist, dass die Menschen KI als Quelle für Wettbewerbsvorteile und als Mittel zur Offensive betrachten", sagte Sinisterra. "In Zukunft werden die Menschen sie als Notwendigkeit betrachten."

Große Banken, die vom KI-Druck erfasst werden, wollen mehr KI-Spezialisten einstellen und zugleich traditionelle Bankstellen abbauen. Standard Chartered bereitet sich darauf vor, in den kommenden vier Jahren Tausende Support-Stellen zu streichen. Citigroup, Wells Fargo und Bank of America haben im ersten Quartal 2026 zusammen mehr als 5.000 Stellen abgebaut, obwohl sie beim Gewinn eine Rekord-Berichtssaison hatten.

Führungskräfte, die bereit sind, hohe Summen auszugeben, um die Technologie über einfache Aufgaben hinaus einzusetzen, experimentieren selbst mit KI-Werkzeugen und erhöhen damit den Druck, die Technologie auf allen Ebenen zu verankern. Sinisterra und Wang, ehemalige Fondsmanager von Softbank, verkaufen Handlungssicherheit an Unternehmen, die diesen Wandel vorantreiben wollen.

Banken holen externe Spezialisten ins Haus
Das von ihnen im Juli 2025 gegründete Unternehmen "Wall Street Prompt" hat nach Angaben mit der Angelegenheit vertrauter Personen unter anderem mit T. Rowe Price, Citigroup und Bank of America zusammengearbeitet. T. Rowe Price holte die beiden demnach zur Schulung von Investmentexperten ins Haus. Citigroup und Bank of America nutzten sie für Veranstaltungen mit externen Fondskunden.

"Wall Street Prompt", das an Vertraulichkeitsvereinbarungen gebunden ist, lehnte eine Bestätigung der Kundenliste ab. Auch T. Rowe Price, Citigroup und Bank of America wollten sich nicht zu anbieterspezifischen Schulungen äußern.

Fehlendes Know-how schafft neuen Markt
Als ChatGPT 2022 eingeführt wurde, beschränkten große internationale Banken den Zugriff auf den Chatbot in ihren internen Netzwerken aus Sorge vor Sicherheitslücken. Inzwischen hat JP Morgan mit "LLM Suite" ein generatives KI-Werkzeug eingeführt, das von den meisten Mitarbeitern genutzt wird. Goldman Sachs arbeitet mit Anthropic an der Entwicklung von KI-Agenten. Bank of America erklärt, die 18.000 Entwickler des Unternehmens seien durch den Einsatz von KI um 20 bis 25 Prozent produktiver geworden.

Dennoch fehlt vielen Bankern die Ausbildung, um KI-Werkzeuge effektiv einzusetzen. Andere arbeiten weiterhin mit veralteten Modellen. Diese Diskrepanz hat einen Bedarf an Trainern geschaffen, die das Potenzial solcher KI-Systeme ausschöpfen können.

"Die größte Herausforderung innerhalb einer großen Bank ist nicht die Technologie, sondern die Menschen", sagte Jake Bridge, Managing Director für den asiatisch-pazifischen Raum bei der britischen Personalvermittlung Evolution. "Die Bandbreite reicht von Technikverweigerern bis zu extremen KI-Anwendern. Die größte Herausforderung für eine Bank besteht darin, beide Gruppen gleichermaßen abzuholen." (mb/Bloomberg)