Die jüngere Kapitalflucht aus Griechenland hat ein Niveau erreicht wie zu Hochzeiten der Eurokrise. Das bringt die Frage auf das Tapet, ob sich das Land tatsächlich, wie Marktbeobachter und Medien bereits kolportiert hatten, auf dem Weg der Besserung befindet. Darüber haben sich zur Eröffnung am FONDS professionell KONGRESS 2015 in Wien zwei der prominentesten Ökonomen im deutschsprachigen Raum eine spannende Diskussion geliefert. Griechenland ist lange nicht über dem Berg und die Schuldenproblematik wird uns noch über mehrere Generationen beschäftigen. In diesem Punkt waren sich Hans-Werner Sinn und Stephan Schulmeister einig.

In der Schuldfrage waren der Präsident des Münchner Ifo-Institutes und der langjährige Ökonom am österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut aber gegenteiliger Meinung. Während Sinn die Griechen selbst in die Pflicht nahm, warf Schulmeister insbesondere Deutschland vor, die Regeln nach der Euro-Einführung gebrochen und dadurch ein ökonomisches Ungleichgewicht herbeigeführt zu haben. Deutschland habe die Lohnstückkosten entgegen der Maastrichter Bestimmungen jahrelang nicht angehoben und sich dadurch einen unlegitimen Wettbewerbsvorteil verschafft.

Konkursordnung für Staaten
Einen völlig konträren Standpunkt haben die beiden Ökonomen auch, wenn es um die Frage geht, wie der Euro zu retten sei. Laut Sinn seien hier folgende Maßnahmen zu setzen: Zuerst sei ein Schuldenschnitt nötig, um südeuropäische Staaten und Banken zu retten. Das gebe der EZB wiederum die Möglichkeit, die Zinsen schrittweise zu normalisieren. Darüber hinaus brauche es eine offene Währungsunion, in der Staaten die Möglichkeit haben, temporär auszutreten. Nachdem die Drachme oder eine andere Währung wieder zu einem tragbaren Wechselkurs gefunden habe, könne Griechenland wieder in die Eurozone eintreten, so der Plan.

Sinn plädierte abschließend dafür, das amerikanische System zu kopieren. Um den Euro funktionsfähig zu machen, fordert er einen Föderalismus, der ähnlich wie in den USA durch eine Konkursordnung für Staaten gekennzeichnet ist. "Wenn beispielsweise Kalifornien pleitegeht, würde die Fed nie auf die Idee kommen, kalifornische Staatspapiere zu kaufen – und weil das so ist, sind die Anleger vorsichtig", so Sinn. "Diese Selbstkorrektur der Kapitalmärkte ist das A und O für die Stabilität einer Marktwirtschaft."

Ein "New Deal" für Europa
Schulmeister forderte dagegen einen "New Deal", bei dem die Impulse so geändert werden, dass die Finanzmarktpreise stabilisiert werden. Wenn man etwa den Hochfrequenzhandel radikal einschränken würde, würde sich ihm zufolge auch das Ausmaß der Bullen- und Bärenmärkte minimieren. "Große Krisen entstehen immer durch die gleichzeitige Entwertung von Vermögenstiteln. 2008 sind alle Märkte gleichzeitig gefallen. Das ist das letzte Mal 1929 passiert." Darüber hinaus bekannte sich Schulmeister zu einer Erhöhung der Staatsquote. "Depressionen sind in der Wirtschaftsgeschichte immer und ausschließlich durch mehr Staatsquote überwunden worden." Darauf zu setzen, dass es die Märkte richten, sei ihm zufolge naiv. "Sie werden es nicht richten." (dw)