Der frühere griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou hat am Donnerstag auf dem FONDS professionell KONGRESS in Wien der Europäischen Union eine Mitschuld an der Eskalation der Griechenland-Krise gegeben – zugleich aber auch eine Vision für die Zukunft Europas entworfen.

Rückblickend müsse er sagen, dass die EU alle Fehler bei der Krisenbewältigung im Fall Griechenland begangen habe – die nachfolgenden Rettungsaktionen für weitere angeschlagene EU-Mitglieder seien dann wesentlich besser verlaufen. Durch ein früheres und entschiedeneres Eingreifen hätte die Eskalation der Krise seiner Meinung nach verhindert werden können.

Hartes Sparprogramm war ein "ernster Fehler"
Papandreou verwies etwa auf die Worte von EZB-Präsident Mario Draghi, der im Juli 2012 angekündigt hatte, notfalls alles zu tun, um den Euro zu retten. "Hätte es ein ähnlich starkes Bekenntnis der Europäischen Union schon früher gegeben, wäre das Schlimmste vielleicht schon im März 2010 ausgestanden gewesen", sagte Papandreou.

Ohne Frage seien Strukturreformen unausweichlich gewesen, und diese sei er auch schon angegangen. "Doch dafür braucht man Zeit, und die haben uns die Märkte nicht gegeben", so Papandreou während seines Vortrags. Stattdessen habe Griechenland harte Reformen und ein gigantisches Sparprogramm zugleich stemmen müssen. "Deutschland hat nach der Wiedervereinigung zwei Jahrzehnte benötigt, um den Anpassungsprozess zu bewältigen", betonte der Politiker. "Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat mir häufiger berichtet, dass er seine Strukturreformen nicht während einer Rezession hätte durchsetzen können. Von Griechenland wurde aber genau das verlangt." Griechenland hat inzwischen eine sechs Jahre andauernde Rezession hinter sich, während der die Wirtschaftsleistung um mehr als ein Viertel geschrumpft ist. "Das ist nur mit der großen Depression in den USA in den 1930er-Jahren vergleichbar", sagte er. Das Pochen auf ein solch hartes Sparprogramm bezeichnete Papandreou darum als "ernsten Fehler".

Inzwischen sei Griechenland aber auf einem guten Weg. Erstmals erwirtschafte das Land wieder einen Primärüberschuss – der Staat nimmt also mehr Geld ein, als er vor Zinsen ausgibt. Griechenland habe einen der schnellsten Anpassungsprozesse der Geschichte hinter sich. "Diese Reformen waren unsausweichlich, aber die damit verbundenen Schmerzen hätten nicht so groß sein müssen", sagte Papandreou.

Eine Vision für Europa
Inzwischen sei es ohnehin an der Zeit, das Spiel gegenseitiger Schuldzuweisungen zu beenden. Die Frage sei, wie Europa in Zukunft aussehen soll. "Mein Traum ist ein 'Green Deal' für Europa." Die EU solle nicht versuchen, ihre Position in der Weltwirtschaft mit immer niedrigeren Löhnen und einer Ausbeutung der Arbeitnehmer zu verteidigen. "Wir sollten uns auf das konzentrieren, wofür Europa steht: Hohe Qualität und eine gute Ausbildung." Er forderte Investitionen für ein "grünes Wachstum", etwa in erneuerbare Energien, Informationstechnologie und digitale Infrastruktur.

"Viele Menschen haben Angst, wenn sie von einer Vertiefung der Europäischen Union hören. Wir müssen stattdessen die Chancen betonen, die eine solche Zusammenarbeit mit sich bringt", sagte der Politiker. "Nur gemeinsam haben die Staaten der EU eine Chance, ihre Position in der Welt zu halten." Auf sich allein gestellt würde auch Deutschland in einigen Jahren nicht mehr zu den G8-Staaten zählen.

Ein "Green Deal" für Europa könnte auch dafür sorgen, dass die Jugend nicht den Glauben an das gemeinsame Projekt verliert. In Griechenland liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 60 Prozent, in Spanien nicht viel tiefer. "Das ist eine tickende Zeitbombe. Wir dürfen nicht erlauben, dass es zu einer – oder mehreren – verlorenen Generationen kommt." (bm/dw)