"Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, das alte", dichtete einst Johann Wolfgang von Goethe. Nun, lange ist's her. Laut Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon und volkswirtschaftlicher Berater der österreichischen Hello Bank, vermittelt ein Blick auf die Lebensqualität der Bürger Investoren zusätzliche Hinweise darauf, wie sich ein Land und damit deren Wertpapiere langfristig entwickeln könnten. Daher sei der derzeitige Rückgang der Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten bedenklich und kein gutes Zeichen für die US-Wirtschaft. (aa/ps)


Vor ein paar Wochen veröffentlichte das Center for Disease Control (CDC) der Vereinigten Staaten eine alarmierende Statistik. Danach ist die Lebenserwartung der Amerikaner zum dritten Mal hintereinander gesunken. Sie hat sich von 2014 bis 2017 um fast vier Monate auf 78,6 Jahre verrin­gert. Jeder weiß, dass die Lebenserwartung in wohlhabenden Industriestaaten normalerweise steigt. Das hängt mit den zunehmenden Ausgaben für Gesundheitsvorsorge, einer gesünderen Lebensführung sowie dem medizinischen und hygienischen Fortschritt zusammen. In den USA hat sich die Lebenserwartung seit dem Zweiten Weltkrieg um ins­gesamt zehn Jahre erhöht.

Und jetzt plötzlich geht sie zurück? Und zwar drei Jahre hin­tereinander? Das kann nicht mit irgendwelchen Zufallsein­flüssen zusammenhängen. Die Wissenschaftler des CDC führen das vor allem auf die zunehmende Verbreitung har­ter Drogen zurück sowie auf den Anstieg der Suizide. Das wirft kein gutes Licht auf die amerikanische Gesellschaft. Es zeigt, dass der Glaube der Amerikaner an die Zukunft ihrer Gesellschaft gelitten hat. Es gibt wenige Länder in der Welt, in der eine ähnliche Ent­wicklung zu beobachten ist. Eines ist Russland, mit dem die USA in dieser Hinsicht sicherlich nicht verglichen werden wollen. In Russland spielt bei der sinkenden Lebenserwar­tung vor allem der zunehmende Alkoholkonsum eine Rolle. Der Rückgang der Lebenserwartung ist noch stärker als in den USA.

Wie ich auf diese Zahlen komme? Ökonomen schauen bei der Länderanalyse üblicherweise nicht auf solche Faktoren. Sie interessieren sich vor allem für das Bruttoinlandsprodukt und seine Komponenten sowie für Wettbewerbsfähigkeit, Gewinne, Zinsen und Liquidität. Das ist aber eine zu starke Einengung des Blickfeldes.

Wichtige Faktoren, vor allem die, die die Zukunft eines Lan­des beeinflussen, bleiben dabei außen vor. Am Kapital­markt, vor allem am Bondmarkt ist man da viel weiter. Anle­ger begnügen sich nicht mit Makrodaten. Sie suchen darü­ber hinaus nach weiteren Indikationen für rentable und ver­nünftige Investitionen. Bei ESG-Investitionen (Environment, Social, Governance) beispielsweise beziehen sie auch ethische Gesichtspunkte ausdrücklich in die Betrach­tung ein. Es liegt daher nahe, dies auch bei volkswirtschaft­lichen Analysen zu tun. Wenn man das macht, müsste man eigentlich alles mit ein­beziehen, was die Qualität des Lebens in einer Gesellschaft beeinflusst. Dazu gehören sowohl die Sicherheit der Bürger, die Einkommens- und Vermögensverteilung, das Bildungs­system und natürlich die Umwelt. Die OECD hat einen sol­chen Better Life Index mit 24 Komponenten entwickelt. Das ist ein außerordentlich komplexes und unübersichtliches System.

Ich habe in der Grafik aus Vereinfachungsgründen nur das Pro-Kopf-Einkommen als Proxy für die ökonomischen Fak­toren und die Lebenserwartung als Spiegel des Wohlbefin­dens in der Gesellschaft genommen. Dahinter steht die Überlegung, dass die Attraktivität eines Landes umso grö­ßer ist, je höher das Einkommen und die Lebenserwartung der Menschen sind.

Es zeigt sich, dass die Vereinigten Staaten bei der Lebens­erwartung auch ohne den Rückgang in den letzten Jahren hinterherhinken. Sie liegen, was kaum jemand erwarten würde, kaum vor der Türkei. Bei den ökonomischen Fak­toren, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, sind sie dage­gen weit vorne. In der Vergangenheit konnten Anleger in den USA gut Geld verdienen. Das kann auch noch so wei­tergehen, gleichwohl würde ich im Hinblick auf die Zukunft etwas vorsichtiger sein. Hier könnte sich, wenn sich die Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt, langfristig Ungutes zusammenbrauen.

Man kann das Modell auch auf andere Länder anwenden. Am besten steht – das ist nicht weiter verwunderlich – die Schweiz da. Sie hat nicht nur eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen (USD 80.000). Sie hat auch eine der höchsten Lebenserwartungen (83 Jahre) in der Welt. Sie steht also sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich gut da. Das erklärt die hohe Attraktivität des Landes und seiner Wäh­rung und Kapitalmärkte. Japan fällt in der Tabelle voll heraus. Es hat eine der höchs­ten Lebenserwartungen der Welt (83,9 Jahre), bewegt sich aber beim Sozialprodukt eher im Mittelfeld. Hier besteht in Sachen Ökonomie noch viel Nachholpotenzial. Es rächt sich, dass bei den Abenomics die notwendigen Struktur­reformen immer vernachlässigt wurden.

Interessant sind die Länder Mitteleuropas. Sie haben eine hohe Lebenserwartung, die auch noch weiter steigt. Schwe­den steht hier an der Spitze. In Sachen Pro-Kopf-Einkom­men bewegen sie sich aber eher im Mittelfeld. Das deutet darauf hin, dass es in dieser Region noch viele Economies of Scale gibt. Weitere Integration innerhalb des Binnen­marktes könnte mehr Wachstum bringen und die Attrakti­vität dieser Staaten noch deutlich verbessern.

Für den Anleger
Schauen Sie bei Investments nicht nur auf die ökonomi­schen Faktoren. Eine Betrachtung der Lebensqualität der einzelnen Länder kann Sie vielleicht auf zusätzliche Ideen bringen. Es ist kein Zufall, dass die Schweiz derzeit relativ gut dasteht.