Wer seine Lebensmittel im Bio-Supermarkt kauft, nur Kleider mit Fair-Trade-Siegel trägt und als Zweitauto für die Stadt ein Elektro-Mobil fährt, will im Regelfall nicht, dass in den Fonds für seine private Altersvorsorge Aktien von Waffenerzeugern und Produzenten gentechnisch manipulierten Saatguts stecken. Und diese Gruppe kritischer bzw. bewusst konsumierender Bürger wächst – allerdings nur langsam. Aber so wie die Bio-Schiene im Nahrungsmittelbereich wächst auch die Nachfrage in der Sparte "nachhaltige Investments" kontinuierlich.

Die Entwicklung kann man auch den Zahlen für 2012 ablesen. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen e. V. (FNG), Fachverband für nachhaltige Geldanlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, hat diese Mitte Mai vorgelegt und demzufolge waren in den auch als SRI (Sustainable Responsible Investments) bezeichneten Fonds Ende 2012 rund 34 Milliarden Euro investiert. 2005 waren es sechs Milliarden Euro. Damit hat sich das Segment binnen sieben Jahren fast versechsfacht. Insgesamt waren lauf FNG über alle nachhaltigen Geldanlagen Ende des vergangenen Jahres 120,3 Milliarden Euro investiert, was im Jahresvergleich einem Plus von 16 Prozent entsprach.

Institutionelle Anleger beachten Nachhaltigkeitskriterien
Interessanterweise ist es dabei keineswegs schwerpunktmäßig der Druck durch den Konsumenten, der das Thema vorantreibt. Dieser kommt einerseits von Seite institutioneller Investoren und andererseits von führenden Industrieunternehmen. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage der Union Investment, an der mehr als zweihundert institutionelle Anleger teilnahmen, ergab, dass knapp die Hälfte der Befragten schon heute auch Nachhaltigkeitskriterien bei der Anlageentscheidung berücksichtigen. Das bedeutet, dass diese Kriterien bei der Veranlagung eines Gesamtvermögens von mehr als 250 Milliarden Euro eine Rolle spielen. Und damit wird auch klar, warum sich immer mehr führende Unternehmen wie Henkel und Siemens in Deutschland oder Wal Mart in den USA diesen Trend längst erkannt haben und auch berücksichtigen. Sie messen Nachhaltigkeit als Teil ihrer Firmenstrategie immer größere Bedeutung zu.

"Die Definition von Werten ändert sich in den Firmenzentralen immer mehr", glaubt auch Yvo de Boer, ehemaliger Generalsekretär des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), wie er anlässlich einer Podiumsdiskussion zu Beginn der RobecoSAM Sustainability-Konferenz erklärte. De Boer sieht hier einen klaren Wertwandel: "In der Vergangenheit bestanden die Firmenwerte hauptsächlich aus dem Erreichen des Gewinnziels. Mittlerweile werden Werte wie Integrität, und verantwortliches ökologisches wie auch soziales Handeln immer wichtiger." Schützenhilfe bekam er von Robert Swan, dem englischen Umweltaktivisten und Polarforscher.

Nachhaltiges Wirtschaften wird dabei keineswegs aus altruistisch-moralischen Motiven propagiert, es geht viel mehr darum, die im Idealfall damit verbundenen wirtschaftlichen bzw. betriebswirtschaftlichen Vorteile zu nützen, die sich aus einer entsprechenden Firmenstrategie ergeben. Für Yvo de Boer beginnen diese bei Kosteneinsparungen in der Logistik, und reichen bis zur Schaffung neuer Märkte für nachhaltige Produkte. Das dadurch unter Umständen entstehende bessere Unternehmensimage stellt da fast schon eine Art Abfallprodukt dar. Kathrin Menges, Personalvorstand und Vorsitzende des Sustainability Council von Henkel, betonte, dass Nachhaltigkeit zu den fünf Unternehmenswerten von Henkel zähle.

Wachsendes Anlegerinteresse trotz Ertragsschwächen
Das Interesse von Anlegern an Nachhaltigkeitsinvestments nimmt im Privatanlegerbereich nach Aussage von Michael Baldinger, CEO von RobecoSAM, zwar auch zu. Die Begeisterung wird allerdings durch die unter Umständen in Kauf zu nehmenden Ertragseinbußen gebremst. Die Performance der entsprechenden Produkte hielt zuletzt nicht unbedingt Schritt mit der herkömmlichen Investments. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung des von RobecoSAM und dem Indexentwickler Dow Jones entwickelten Dow Jones Global Sustainability World Index (DJSI), so fiel der hinter den MSCI World zurück. Die Performanceschere öffnet sich seit rund zwei Jahren auch noch ständig weiter. Aktuell liegt der Weltindex mit rund 30 Prozentpunkten gegenüber dem Nachhaltigkeitsindex im Plus. Dieser Entwicklung können sich auch Fondsprodukte nicht entziehen. Der bekannte ÖkoWorld ÖkoVision Classic A wird über die vergangenen zwölf Monate in seiner Morningstarkategorie (Aktien weltweit Flex-Cap) nur unter "ferner liefen" geführt. Baldinger bleibt da nichts anderes übrig als die Anleger um Geduld zu bitten. Zu hohe Gewinnerwartungen solle man kurzfristig nicht hegen: "Die Jagd vieler Anleger, vor allem institutioneller, nach guten Quartalsergebnissen geht weiter. Dabei braucht die Implementierung einer neuen, nachhaltigen Unternehmensstrategie, mitunter einen langen Atem der Anleger." In manchen Fällen sei es für Firmen daher sogar besser, Investoren zu verlieren, so der RebecoSAM-CEO weiter.

18 deutsche Unternehmen mit Preis ausgezeichnet
Die – trotz der aktuellen Performanceproblematik – wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeitskriterien für die Unternehmen lässt sich auch an der Zahl und Art der Konferenzteilnehmer ablesen. Nach Angaben der Tochter des niederländischen Investmentmanagers Robeco folgten rund 250 Teilnehmer der Einladung;  im vergangenen Jahr waren es noch 60 gewesen. Neben Akteuren aus der Investmentbranche fanden immer mehr Firmenvertreter – darunter auch etliche Verantwortliche aus dem Top-Management – den Weg in die Alte Oper.

Am Donnerstagabend wurden insgesamt 18 deutsche Unternehmen aus 58 verschiedenen Sektoren wie Bekleidung, Auto, Software oder Haushaltsprodukte ausgezeichnet. Zu den Preisträgern in der Kategorie Gold zählen neben Henkel auch Adidas, BMW, SAP, Siemens und TUI, die zudem alle als "RobecoSAM Sector Leader" geehrt wurden. (jb)

Zu den RobecoSAM Awards
Grundlage der Preise ist das jährlich von RobecoSAM veröffentliche Report über die Nachhaltigkeit von Unternehmen – englisch Corporate Sustainability Assessment  oder CSA. Dafür befragt die Investmentgesellschaft über alle Sektoren hinweg die 3.000 größten Unternehmen der Welt (gemessen an der freien Marktkapitalisierung). Zusätzlich dazu werden 800 Firmen aus Entwicklungsländern zu dem CSA eingeladen. Der Fragebogen umfasst nach Angaben von RobecoSAM zwischen 80 und 120 Fragen zu finanzwirtschaftlich relevanten ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimensionen sowie Corporate- Governance-Praktiken. Mehr als die Hälfte der Fragen sind sektorspezifisch. Die übrigen Fragen beleuchten allgemeine Nachhaltigkeitsthemen wie Corporate Governance, Produktverantwortung und Talentgewinnung und -bindung. Die Antworten werden dann je nach Dimension (ökologisch, ethisch und wirtschaftlich) sowie bestimmen, diesen Dimensionen zugeordneten Kriterien, gewichtet. Die Höchstpunktzahl ist 100. Unternehmen werden dann, je nachdem ob sein zu den besten zehn, fünf oder ein Prozent ihres Sektors zählen, mit einem Bronze-, Silber-oder Gold-Preis ausgezeichnet. Die besten Firmen einer jeden Kategorie werden zudem zu "RobecoSAM Sector Leader" gekürt.