Fast ein Jahrzehnt nach seiner Verurteilung ist Bernard Madoff verstorben. Seine Opfer bezeichnen ihn "als Monster" oder "Teufel". Viele schreiben ihm die Erfindung des fatalsten Betrugssystems der Finanzgeschichte zu. Die Methode, mit der Madoff Investoren um schätzungsweise 65 Milliarden US-Dollar prellte, geht allerdings auf jemand anderen zurück, erinnert die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Der Name des Schurken: Charles Ponzi. Bis heute ist im englischen Sprachgebrauch von einem "Ponzi-Scheme" die Rede, wenn durch "Schneeball"- oder "Pyramiden"-Systeme Sparer und Anleger um ihr Kapital gebracht werden. Doch wer war Ponzi eigentlich?

Ambitionierter Arbitrageur
Der Italiener, der 1882 in Parma als Carlo Pietro Giovanni Guglielmo Tebaldo Ponzi geboren wurde, wanderte 1903 in die Vereinigten Staaten ein und nannte sich fortan "Charles". Nach diversen Betrügereien und einer abgesessenen Gefängnisstrafe wegen eines gefälschten Bankwechsels sah Ponzi 1920 seine Stunde gekommen. Durch Zufall entdeckte er, dass sogenannte "internationale Antwortscheine", mit denen beispielsweise Kataloge kostenlos in fremde Länder versandt werden konnten, in Spanien für umgerechnet einen US-Cent zu haben waren. In den USA waren diese Scheine jedoch sechs Cent wert. Diesen Preisunterschied, so sein Gedanke, müsste man sich gewinnbringend zunutze machen. Dass die seinerzeit elend langen Postlaufzeiten in Kombination mit der Bürokratie im grenzüberschreitenden Briefverkehr solcherlei verhinderten, merkte Ponzi zwar schnell. Doch dank seiner Verschwiegenheit und einer Heerschar gutgläubiger Geldgeber wurde dennoch ein profitables Geschäft daraus.

Ponzi gründete in Boston die "Securities Exchange Company" (die ironischerweise dasselbe Kürzel wie die heutige US-Wertpapieraufsicht SEC trägt) und versprach Anlegern, die in die vermeintlich supergünstigen Antwortscheine aus Spanien investierten, astronomische Renditen: 50 Prozent Gewinn auf ihren Kapitaleinsatz innerhalb von 45 Tagen oder das Doppelte binnen 90 Tagen – vorausgesetzt, die Geldgeber sorgten eigenhändig dafür, dass weitere Personen in das System einzahlen. Der Zuspruch war im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend: Innerhalb weniger Wochen sammelte die SEC 15 Millionen US-Dollar ein – was nach heutigem Kurs einem mindestens dreistelligen Betrag entspräche.

Im Geld ersoffen
Laut Überlieferung wurde das Geld von Ponzis Angestellten zunächst in Schubladen, Papierkörben und auf dem Fußboden gelagert und gestapelt – und hernach, mangels Anlagemöglichkeiten (es gab nicht annähernd genügend "Antwortscheine") entweder an Altkunden ausbezahlt, um zumindest deren Renditeträume zu erfüllen (was allerdings gleich noch mehr Liquidität anzog) oder in die eigene Tasche gewirtschaftet. So nahm das Unheil seinen Lauf.

Die "Gewinnmaschine" erstarb bereits wenige Monate nach ihrem Start, als in der Presse Zweifel an Ponzis Seriosität aufkamen und der Zustrom an frischem Geld versiegte. Als immer mehr nervöse Einzahler ihren Einsatz zurückverlangten, kollabierte das Kartenhaus.

Auf Drängen seiner Gattin bekannte sich Ponzi des Betrugs schuldig und wurde im November 1920 zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Nach Phasen weiterer Wirren und gescheiterter Geschäftsideen verstarb der "geistige Vater aller Schneeballsysteme" 1949 in der Armenstation eines Krankenhauses in Rio de Janeiro – so gut wie erblindet und halbseitig gelähmt. Die 75 Dollar aus der staatlichen Alterspension deckten angeblich gerade die Begräbniskosten, weiß "Wikipedia" zu berichten.

Pilotenspiel? Schenkkreis? Geschenkt!
Trotz seines grandiosen Scheiterns und eines Lebensweges, der kaum zur Nachahmung animiert, wurde Ponzi zur Blaupause für andere Betrüger  – die, und das ist das eigentlich Tragische, verstärkt Kunden ködern, die mit Geldanlage eigentlich wenig im Sinn haben. Als "Pilotenspiel", "Herz"- oder "Schenkkreis" sowie "Tafelrunde" getarnt, kommen auch unbedarfte Normalverbraucher ständig in Kontakt mit Ponzis perfidem System.

Die Masche dahinter ist eigentlich leicht zu durchschauen, zieht aber immer noch: Simple Modelle, die bislang kaum entdeckt (oder der Öffentlichkeit angeblich mit Absicht verheimlicht) wurden, werfen garantiert galaktisch anmutende Renditen ab – die aber in Wahrheit immer nur aus den nachströmenden Geldern weiterer Investoren bezahlt werden. So lange, bis der Geldstrom abreißt und das "Ponzi-Scheme" kollabiert. (fp/ps)