Rund ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise fallen Rückblick und Ausblick der europäischen Retailbanken mit höchst unterschiedlichen Gefühlen aus: Von einem eingenommenen Euro blieb den europäischen Retailbanken im Jahr 2018 ein Gewinn von 33 Cent (vor Steuern) – so viel wie nie zuvor. Vor der Finanzkrise waren es 24 Cent. Das zeigen die Zahlen aus dem neuen Retail Banking Radar von A.T. Kearney. "Die Banken sind wirklich gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Das ist es aber schon mit dem positiven Teil", sagt Studienautorin Daniela Chikova, Partner Financial Services bei A.T. Kearney Österreich. Der Grund für die gute Optik liege nämlich nur darin, dass die Risikokosten auf ein Rekordtief von fünf Prozent gesunken sind (statt zwölf Prozent im Jahr 2008).

Erträge stagnieren, Kosten steigen
Dagegen stagnieren die Erträge der Institute (insbesondere in Westeuropa), während die Ausgaben zulegen. "Mehr als die Hälfte der Institute kämpft mit steigenden Kosten", so Chikova. Der auf den Banken lastende Druck zeigt sich besonders stark am Ertrag pro Kunden. Dieser lag 2008 noch bei 700 Euro, 2018 sind es nur mehr 623 Euro. Bis 2020/21 sollen diese Einnahmen dann weiter auf 595 Euro sinken, so Chikova bei der Präsentation der Ergebnisse in Wien.

Die operativen Kosten würden in den kommenden Jahren "extrem wichtig" für das Überleben der Banken sein. Insbesondere in Anbetracht der Konkurrenz durch sogannten Neobanken wie N26 oder Revolut, wo ein Mitarbeiter deutlich mehr Kunden bedient als bei der herkömmlichen Hausbank. 2023 sollen laut der Studie 50 bis 85 Millionen Europäer Kunden von Neobanken sein. Das entspricht rund 20 Prozent der europäischen Bevölkerung über 14 Jahre (siehe Klickstrecke oben). Die neuen "Handybanken" haben seit 2011 schon mehr als 15 Millionen Kunden dazugewonnen. Im Gegensatz dazu haben die klassischen Banken zwei Millionen Kunden verloren.

Filialschließungen: Nordics geben den Trend vor
In den nächsten fünf Jahren werde jede zehnte traditionelle Bank in Europa entweder durch Verkauf oder Zusammenschluss nicht mehr am Markt sein, darunter auch bekannte Namen. Überleben würden jene Institute, die sich besonders deutlich bei Kosten, Ertrag und Digitalisierung vom Wettbewerb absetzen, sagt Chikova. In Westeuropa dürften laut den Angaben sogar ein Drittel der Filialen geschlossen werden.

Seit der Krise haben europaweit 24,6 Prozent der Banken geschlossen. Die Zahl der Bankangestellten verringerte sich um rund zwölf Prozent beziehungsweise 1,3 Prozent pro Jahr. In den nordischen Ländern wurden in den letzten zehn Jahren sogar mehr als 50 Prozent aller Filialen geschlossen, und auch in Österreich schmilzt das Netz jedes Jahr um zwei bis drei Prozent.

Österreich: Eine Bankeninsel der Seligen
Für österreichische Banken stellt sich das Szenario (noch) nicht so dramatisch dar. Insgesamt verbuchten sie in den letzten vier Jahren sogar ein Ertragsplus pro Kunde von 7,2 Prozent, während Deutschland ein Minus von 1,3 Prozent und die Schweiz ein mageres Plus von 0,4 Prozent aufweisen. Allerdings ist die Kosten-Ertrags-Relation mit 65 Prozent hierzulande sehr hoch. Nur Deutschland (69 Prozent) und Frankreich (70 Prozent) weisen mehr auf.

Für die aktuelle Studie wurden die Daten von 92 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 22 europäischen Ländern hinsichtlich der Kriterien Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, Gewinn pro Kunde, Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote untersucht. Die Daten stammen aus offiziellen Bankunterlagen von Januar 2007 bis Dezember 2018.(eml)