Die Kurse krachten am 24. August ein, China versetzt alle in helle Aufregung, einer blieb gelassen: Tim Stevenson, Manager des 4,7 Milliarden Euro schweren Henderson Horizon Pan European Equity Fund. Der Grund: seiner Einschätzung nach sind die Konjunkturaussichten für Europa und speziell Großbritannien gut, wie er in einem Gespräch mit FONDS professionell ONLINE erläuterte.

Mr. Stevenson, was waren Ihre Gedanken, als Sie am 24. August von dem Kursverfall in China hörten?

Tim Stevenson: Ich war nicht wirklich überrascht, obwohl ich kein China-Spezialist bin. Wir haben schon seit einigen Monaten Anzeichen im Markt gesehen, dass die chinesische Wirtschaft an Schwung verloren hat. Das wurde in den Aktienkursen in China allerdings lange nicht reflektiert. Daneben haben aus meiner Sicht auch Hedgefonds und ETFs zu dem Rutsch beigetragen, da sie den Verkaufsdruck verstärkten.

Der Rückgang drückte auch die Kurse in Europa. Wie stehen die Chancen für eine Erholung?

Stevenson: Grundsätzlich gut, denn Europas Wirtschaft befindet sich auf dem Weg der Erholung. Die Konjunktur hat ein reiferes Stadium des Zyklus erreicht: Es ist genug Kapital im Wirtschaftskreislauf, das mittlerweile seinen Weg auch zu den Unternehmen und den Konsumenten findet. Letztere fühlen, dass es wieder aufwärts geht und geben daher auch wieder Geld aus. Draghis Strategie geht langsam auf. Hinzu kommt, dass vor etwa einem Jahr der Euro begann stark gegenüber dem US-Dollar abzuwerten, was dazu führt, dass sich die Preissetzungsmacht einiger europäischer Unternehmen auf dem Weltmarkt verbesserte. Weil viele Firmen sich aber gegen Schwankungen von Währungskursen abgesichert hatten, werden die positiven Auswirkungen der Euro-Abwertung in manchen Fällen erst später spürbar. Und nicht zuletzt rücken die Regierungen von ihren Sparprogrammen ab und investieren wieder - endlich möchte ich sagen. Übrigens halte ich es für interessante, dass sich Europa wirtschaftlich nicht in Gleichklang mit den USA erholt.

Inwiefern?

Stevenson: Die konjunkturelle Erholung der USA ist der von  Europa grob geschätzt 18 bis 24 Monate voraus. Die amerikanische Wirtschaft ist bereits jetzt in einer guten Verfassung. Das sieht man schon alleine daran, dass die Arbeitslosigkeit stark gesunken ist und bald bei nur noch fünf Prozent liegen sollte. Das gilt offiziell als Vollbeschäftigung. Daher ist auch das QE-Programm der Federal Reserve meines Erachtens mittlerweile unnötig. Die Fed wird bald Zinserhöhung vornehmen. Aus rein ökonomischer Sicht machen die niedrigen Zinsen nämlich überhaupt keinen Sinn mehr.

Meinen Sie, dass die Europäische Zentralbank angesichts der Wirtschaftserholung auch die Zinsen erhöhen wird?

Stevenson: Nein, die Wachstumsdaten in der Eurozone haben sich zwar verbessert, sind aber nach wie vor schwach. So haben die Unternehmen nur eine sehr geringe Preissetzungsmacht. Die Inflationsrate liegt immer noch weit unter den von der EZB angestrebten zwei Prozent, auch wenn die Kerninflation mittlerweile auf ein Prozent gestiegen ist.

Ihr Fonds verlor im August rund sieben Prozent: Wird es vor diesem konjunkturellen Hintergrund lange dauern, bis er die Verluste wieder ausgeglichen hat?

Stevenson: Das ist unmöglich einzuschätzen. Ich sehe den Rückgang auch nicht kritisch, zumal unser Vergleichsindex noch mehr verloren hat. Wir sind langfristig ausgerichtete Investoren und kommunizieren dies auch klar an unsere Kunden. Sie sollten ebenfalls einen längeren Anlagezeitraum mitbringen.

Ihr Anlageziel sind europäische Aktien. Wie gehen sie mit Risiken um, die diese regionale Fokussierung mit sich bringt?

Stevenson: Wo die Firmen, in die wir investieren, notiert sind, ist vollkommen egal. Mein Team und ich suchen grundsätzlich nach Qualitäts-Unternehmen, die auch in einem schwachen wirtschaftlichen Umfeld wachsen. Ein Beispiel, das zu China zurückführt: Das Land befindet sich derzeit im Umbruch von einer vom Export getriebenen, hin zu einer konsumorientierten Wirtschaft. Daher werden etwa europäische Anbieter von Konsumgütern interessanter, weil sich deren Markt mit China vergrößert.

Wie würden Sie dann Ihren Investmentansatz beschreiben?

Stevenson: Ganz klar fundamentales Stock-Picking. Wichtig ist dabei das Potenzial eines Unternehmens. Wenn wir nach sorgfältiger Analyse des Unternehmens und des Managements der Meinung sind, dass das Geschäft in den kommenden Jahren und Jahrzehnte wachsen wird, dann kaufen wir die Aktie, auch wenn sie kurzfristig nicht so billig aussehen. Zudem sind wir wie schon erwähnt langfristig orientiert, wir halten die Titel möglichst lange. Fresenius beispielsweise habe ich 2001 beim Start des Fonds gekauft und halte sie immer noch. Wir prüfen zwar auch Fundamentaldaten wie die Cash-Flows, Kurs-Gewinn-Verhältnisse oder auch das makroökonomische Umfeld. Entscheidend sind aber die Wachstumsaussichten.

In Ihr Portfolio haben sie viele britische Titel aufgenommen. Das erweckt den Eindruck, dass Sie ihren Heimatmarkt ein Übergewicht einräumen.

Stevenson: Nein, der Grund für die vielen britischen Titel ist, dass die Wirtschaftsentwicklung dort weiter fortgeschritten ist als auf dem Kontinent. Vor allem finden sich hier Unternehmen mit einem langfristig gutem Potenzial, unter anderem einige Finanzdienstleister.

Warum ist ausgerechnet der Anteil dieser Unternehmen in ihrem Portfolio so hoch? Andere meiden den Finanzsektor weiterhin.

Stevenson: Ich muss vorwegschicken, dass wir unter diesem Oberbegriff Banken und Versicherer kategorisieren. Der Grund für den hohen Versicherer-Anteil ist die demografische Entwicklung. In den kommenden Jahrzehnten werden immer weniger Menschen arbeiten und Steuern zahlen, während immer mehr ältere Menschen Rente beziehen. Die Last der Rentenausgaben werden die Staatskassen strapaziere. Die Staaten werden in 20 Jahren aufgrund dieser Lasten pleitegehen. Ein Ausweg ist eine private Altersvorsorge, verwaltet von einem professionellen Finanzdienstleister. Und in Großbritannien gibt es ein paar sehr gute Firmen in diesem Bereich wie Standard Life oder Prudential.

Wir danken für das Gespräch. (jb)