In den vergangenen Jahren ist nicht immer alles nach Wunsch verlaufen für Matt Siddle. Seit 2012, als der Fondsmanager die Leitung des Fidelity European Growth Fund übernahm, hinkt das Portfolio der Kategorie "Aktien Europa" leicht hinterher. Mit einem verwalteten Volumen von 6,5 Milliarden Euro ist der Fonds aber nach wie vor ein echtes Schwergewicht innerhalb der Vergleichsgruppe und ein elementarer Bestandteil vieler fondsgebundener Lebensversicherungen in Deutschland und Österreich. Entsprechend groß war der Besucherandrang am FONDS professionell KONGRESS in Wien beim Vortrag von Matt Siddle. Trotz der Hektik nahm er sich Zeit, um unsere Fragen zu beantworten:

Herr Siddle, mit dem Fidelity European Growth Fund wollen Sie zu attraktiven Preisen in hochwertige Firmen investieren. So gesehen könnte es gerade nicht viel besser sein, oder?

Matt Siddle: Stimmt. Es ist interessant, dass sich Investoren immer mehr auf Quartals- und Jahresberichte konzentrieren, während längerfristige Entwicklungen ignoriert werden. Unternehmen, die ihre Ziele auf kurze Sicht erreichen, werden belohnt; die anderen werden bestraft. Das hat zu einer immer größer werdenden Bewertungslücke geführt. Es gibt aktuell eine ganze Menge guter Unternehmen, die lediglich wegen eines 'Schluckaufs' bei den Erträgen verkauft wurden und somit günstig zu haben sind.

Beispielsweise im Energiesektor? Sie haben ja in den letzten Monaten mehrmals eine Erholung der Erdölpreise vorausgesagt.

Siddle: Es ist eigentlich ganz einfach: In den USA reicht die Fördermenge momentan nicht, um die Fertigungsniveaus in der Industrie über die nächsten Monate konstant zu halten. Die Produktion einiger Firmen könnte sogar um mehr als ein Fünftel einbrechen. Bei gleichbleibender Nachfrage bedeutet das: Die Preise werden steigen. Der Energiesektor hinkt dem Markt nach wie vor hinterher. Ich bin aber überzeugt, dass wir bald eine Erholung sehen werden – vielleicht schon in diesem, möglicherweise aber auch erst im nächsten Jahr.

Ein Fass Rohöl ist aktuell für rund 30 US-Dollar zu haben. Wo liegt Ihrer Meinung nach der langfristige Gleichgewichtspreis?

Siddle: Das ist die schwierigste aller Fragen. Die Schätzungen gehen von 50 bis zu 100 US-Dollar.

Europa ist einer der Profiteure des Preisverfalls. Wäre eine Ölpreiserholung nicht ein Wachstumshemmnis?

Siddle: In diesem Jahr vermutlich nicht. Die positiven Auswirkungen überwiegen derzeit noch. Beispielsweise nimmt der Autoabsatz weiter zu; letztes Jahr gab es Zuwächse im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich. Hinter 2017 steht aber ein größeres Fragezeichen.

Welche Sektoren bevorzugen Sie vor diesem Hintergrund?

Siddle: Ich investiere grundsätzlich nicht in Branchen, sondern in ausgesuchte Unternehmen. Das meiste Potenzial sehe ich aber in der Healthcare- und in der Technologiebranche und in geringerem Maße auch in der Energiebranche.

Healthcare ist eines der meistdiskutierten und kontroversesten Investmentthemen der letzten Monate. Was macht Sie so zuversichtlich?

Siddle: Risiken sind natürlich vorhanden, insbesondere die Gesundheitspolitik in den USA hat einen negativen Einfluss. Man sieht aber auch, dass die Unternehmen ihre Gewinne nach wie vor steigern. Die Kursrückgänge sind also nicht Signal für geschäftliche Probleme, sondern für ein geringeres Anlegervertrauen. Viele Firmen werden also profitabler und zugleich günstiger, und das macht es für mich sogar noch attraktiver.

Britische Aktien machen mit 30 Prozent den größten Anteil im Fidelity European Growth Fund aus. Deutsche Aktien sind lediglich zu 13 Prozent vertreten. Sind britische Unternehmen schlicht besser?

Siddle: Der britische Markt spielt im Fonds wegen der höheren Zahl an multinationalen Unternehmen eine größere Rolle. Es ist wichtig, zwischen Herkunftsland und geografischem Fokus zu unterscheiden. Mit SAP und Bayer sind aber auch zwei deutsche Namen unter den Top-5-Positionen des Fonds.

Das geplante "Brexit"-Referendum am 23. Juni sorgt für gewisse Unsicherheit an den Märkten. Wie würde sich denn ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens auf den Fidelity European Growth Fund auswirken?

Siddle: Ein "Brexit" ist nicht mein Basisszenario. Dennoch sorge ich dafür, dass das relative Exposure minimal ist. Das heißt, dass ich Unternehmen stärker gewichte, die international verflechtet sind. Kommt es nun tatsächlich zu einem "Brexit", zöge das jahrelange Verhandlungen und einen Anstieg der Marktvolatilität nach sich. Kurz- bis mittelfristig hätte das eine Schwächung des britischen Pfunds zur Folge, was wiederum stark exportorientierten Unternehmen sogar helfen könnte.

Vielen Dank für das Gespräch. (dw)