Thomas Meyer zu Drewer gehört zu den Pionieren börsengehandelter Indexfonds (ETFs) in Deutschland. Zunächst arbeitete er jedoch im aktiven Portfoliomanagement – erst bei der Adig in Frankfurt, dann als Leiter des Fondsmanagements der Activest in München. In dieser Position half er beim Aufbau des ersten deutschen ETF-Anbieters Indexchange mit, im Jahr 2000 wechselte er dann ganz in den Indexchange-Vorstand. 2006 übernahm er das Deutschland- und Österreichgeschäft für Lyxor ETF, seit 2011 leitet er Comstage, die Indexfondssparte der Commerzbank. Mit FONDS professionell ONLINE spricht er über den sinkenden Marktanteil von Comstage, die Probleme kleiner ETF-Anbieter und den Trend zu Produkten auf optimierte Indizes.

Herr Meyer zu Drewer, der jüngsten Blackrock-Markstatistik zufolge verwaltet Comstage nur noch 6,6 Milliarden US-Dollar, vor zwei Jahren waren es noch 9,8 Milliarden gewesen. Der Marktanteil am europaweiten Geschäft mit börsengehandelten Indexprodukten (Exchange-Traded Products, ETPs) hat sich in dieser Zeit von drei auf 1,7 Prozent fast halbiert. Was ist da passiert?

Thomas Meyer zu Drewer: Ende Mai 2013 haben wir Anlagegelder in Höhe von 5,1 Milliarden Euro verwaltet, was einem Marktanteil von 1,9 Prozent entsprach. Ende 2010, also vor etwas mehr als zwei Jahren, betrug der Marktanteil drei Prozent. Diese Zahlen sind mitunter etwas schwer zu recherchieren, da sich der ETF-Markt hin zum ETP-Markt, also unter Einschluss von beispielsweise Exchange-Traded Commodities (ETCs), entwickelt hat. Zum anderen werden Marktzahlen oft in US-Dollar ausgewiesen – beides sorgt für Verzerrungen.

Der Trend zeigt bei beiden Statistiken aber in die gleiche Richtung: abwärts. Woran liegt das?

Meyer zu Drewer: Seit 2009, nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers und hervorgerufen durch die Finanzkrise, haben sich die Anlegerpräferenzen verändert. So haben erstens quantitative Handelsmodelle stark an Bedeutung gewonnen, und als Folge hat sich eine Verkürzung der Anlagehorizonte eingestellt. Zweitens hat das Niedrigzinsumfeld zu einer Bevorzugung von Investitionen in Unternehmens- und Schwellenländeranleihen geführt. Staatsanleihe-ETFs bieten wir an, Produkte auf Firmenanleihen derzeit nicht. Allerdings können solche Entwicklungen sehr schnell auch wieder in die andere Richtung drehen. Drittens sind die veränderten Marktanteile auch dem Eintritt neuer Wettbewerber geschuldet. In Summe schwankt unser verwaltetes Vermögen, ist aber im Trend stabil.

Einige Marktbeobachter dagegen meinen, es finde auf Anbieterseite eine Konsolidierung statt. So möchte Blackrock die ETF-Sparte der Credit Suisse übernehmen – damit würde ein vergleichsweise großer Wettbewerber vom Markt verschwinden.

Meyer zu Drewer: Unter dem Strich kommen immer neue Teilnehmer an den Markt, zuletzt etwa die US-Anbieter Vanguard und SPDR. Außerdem gibt es seit geraumer Zeit einen Trend hin zu sogenannten "aktiven" ETFs: Einige Vermögensverwalter bieten ihre Strategie im Mantel eines ETFs an, weil dieser Begriff immer noch positiv besetzt und nicht allein für passive Investments geschützt ist. Wenn ein solcher Anbieter gleich einige Hundert Millionen Euro mitbringt, schrumpft der Marktanteil der anderen Teilnehmer spürbar, ohne dass sich an deren Volumen etwas geändert hätte.

Ihre Konzernmutter Commerzbank ist also zufrieden mit Ihnen?

Meyer zu Drewer: Comstage-ETFs sind Teil des ETF-Dienstleistungsmodells der Commerzbank. Dazu gehört als eine Säule das unabhängige ETF-Sales-Trading oder ETF-Market-Making, das viele ETF-Anbieter in Europa und darüber hinaus nutzen. Im vergangenen Jahr lag die Commerzbank dabei unter den drei größten Anbietern in Europa, im ersten Quartal 2013 war sie sogar die Nummer zwei. Dabei ist zu bedenken, dass Comstage Ende 2013 erst fünf Jahre alt werden. Comstage ist gut aufgestellt und wir bekommen viele positive Rückmeldungen im Haus und von unseren Kunden. Darauf ruhen wir uns aber nicht aus – im Gegenteil, das Geschäft ist ausbaufähig und es gibt Stellen, an denen wir noch besser werden wollen.

Wenn die Voraussetzung stimmen, warum kann Comstage dann nicht vom Wachstum des ETF-Marktes profitieren?

Meyer zu Drewer: Viele institutionelle Investoren dürfen höchstens zehn oder in Ausnahmefällen mal 20 Prozent eines Fonds halten. Große Anleger steigen daher nur dann mit signifikanten Summen ein, wenn der ETF bereits ein bestimmtes Volumen erreicht hat. Also müssen Sie einige Ankerinvestoren finden oder das Startkapital aus eigenen Mitteln stellen. Letzteres ist mit hohen Opportunitätskosten verbunden. Das ist eine Herausforderung, vor der alle kleineren ETF Anbieter stehen.

Ist das auch ein Grund dafür, dass zuletzt so wenige neue ETFs an den Markt kamen?

Meyer zu Drewer: Ja und nein. Ja, weil Anleger zurückhaltender geworden sind, eine gewisse Wertentwicklungshistorie – also einen Track Record – verlangen, und weil eine "Anfangsmindestausstattung" sehr teuer geworden ist. Nein, weil seit einiger Zeit zu beobachten ist, dass viele institutionelle Anleger nur in Standardthemen investieren. Neue ETFs haben es da schwerer.

Also sehen wir so schnell keine neuen Produkte mehr?

Meyer zu Drewer: Es wird immer wieder Nischen geben, in denen die Entwicklung neuer Produkte attraktiv ist. Ein schönes Beispiel ist unser ETF auf die SMIT-Länder Südkorea, Mexiko, Indonesien und die Türkei, die als Nachfolger des BRIC-Quartetts gehandelt werden. Der Comstage S&P SMIT 40 Index ist der erste ETF auf diese Börsen, darum konnten wir für dieses Produkt recht schnell Volumen erzielen.

Unter den zuletzt neu emittierten ETFs finden sich viele auf optimierte Indizes, im Fachjargon gerne Smart-Beta genannt. Sie gewichten die Aktien eines Index zum Beispiel nicht mehr nach Marktkapitalisierung, sondern nach fundamentalen Kriterien. Was halten Sie von diesen Produkten?

Meyer zu Drewer: Meiner Meinung nach entspricht Smart-Beta schon nicht mehr unbedingt der Grundidee von ETFs. Rein passiv Investieren heißt für mich, schlicht den Markt abzubilden. Und dafür gibt es meines Erachtens nach nur ein relevantes Maß: die Marktkapitalisierung.

Da würden Ihnen aber viele Investmenthäuser und Finanzwissenschaftler widersprechen.

Meyer zu Drewer: Das weiß ich, und zu dieser Frage habe ich auch schon viele leidenschaftliche Diskussionen geführt. Aber was ist denn das "Grundmaß" aller Dinge? Angenommen, ein Land gründet eine Börse und notiert Unternehmen. Welche beiden Größen sind unabdingbar für die Aufnahme der Börsennotiz? Anzahl der ausstehenden Aktien eines Unternehmens multipliziert mit dem Aktienkurs. Über alle Unternehmen hinweg ergibt sich die Marktkapitalisierung dieser neuen Börse.

Trotzdem: Wer einen Index einfach nur anders gewichtet, investiert weiterhin passiv.

Meyer zu Drewer: Wenn Sie sich so stark mit einem Index auseinandergesetzt haben, dass sie meinen, auf die optimierte Variante zurückgreifen zu müssen, ist das schon eine aktive Entscheidung – und folglich kein passives Investieren im ursprünglichsten Sinne mehr. Zumal viele alternative Ansätze nur in bestimmten Marktphasen funktionieren oder ihren Mehrwert über längere Zeiträume noch gar nicht bewiesen haben. (bm)