120 Jahre Anlage-Know-How versammelte sich am zweiten Kongresstag auf dem Podium, um über die derzeitige Marktlage zu diskutieren: Deutsche-AWM-Urgestein Klaus Kaldemorgen, Dr. Jens Ehrhardt, der Doyen der deutschen Finanzindustrie sowie der deutsch-amerikanische Universitäts-Professor Prof. Dr. Max Otte und Erste Group-Finanzprofi Mag. Wolfgang Traindl stellten sich den Fragen von ORF-Fernsehmoderator Dr. Armin Wolf.

"Habe 500.000 Euro geerbt..."
Wolf wendete sich zunächst mit einer - selbstverständlich hypothetischen - Frage an seine Diskutanten, die durchaus jedem Finanzberater in seiner Laufbahn gestellt werden könnte: "Ich habe 500.000 Euro geerbt und möchte mein Geld gerne real erhalten. Was soll ich damit machen?" Für Kaldemorgen sollte das Geld bei der derzeitigen Marktlage auf jeden Fall breit angelegt werden. Er rät zu Multi-Asset-Strategien, da diese Anlegern einen risikokontrollierten Zugang zum Kapitalmarkt ermöglichen. Und um auch das Manager-Risiko zu streuen würde er das Geld gar auf zwei bis drei Manager aufteilen. Seiner Einschätzung nach sollten damit Renditen von acht bis neuen Prozent zu erwirtschaften sein.

Anleihen? Nein, Danke!
Die Anlagestrategie von Ehrhardt sieht allerdings etwas anders aus. Auch wenn er in früheren Zeiten ebenfalls zur Hälfte in Aktien und die andere Hälfte in Anleihen investiert hätte, so würde er heute allerdings gänzlich auf Anleihen verzichten. Zwar würden Aktien auch eine höhere Volatilität bedeuten, wie Ehrhardt einräumt, Anleihen würden aber einfach "nichts mehr bringen", wie er sagt. Unterm Strich würde zwar auch Ehrhardt zu einem breit gestreuten Portfolio raten, dieses würde aber im Gegensatz zum Portfolio von Kaldemorgen wie folgt aussehen: Ehrhardt würde zu zehn Prozent in Gold investieren und je ein Drittel in Aktien aus Europa, Deutschland und Japan anlegen. Innerhalb der Länder würde er wiederum breit gestreut investieren. Das sollte langfristig zweistellige Renditen bringen, so die Einschätzung des Finanzprofis.

Negativzinsen – eine gute Idee?
Im Hinblick auf den tiefen Leitzins und den damit verbundenen niedrigen Zinsen bei Staatsanleihen wollte Wolf wissen, ob denn negative Zinsen zu erwarten wären und wie die Diskussionsteilnehmer zu diesem Thema stehen. Für Traindl wären Negativzinsen durchaus vorstellbar, er hoffe aber, dass die Zinsen über der Nulllinie bleiben. Dem widerspricht Otte allerdings, der Negativzinsen durchaus begrüßen würde, "damit die Sparer endlich aufwachen". Denn seiner Meinung nach hätten Aktien bei Privatanlegern nach wie vor einen zu negativen Ruf. Um den Werterhalt seines Geldes zu gewährleisten, seien Aktien derzeit aber alternativlos, wie auch Ehrhardt eindringlich betonte.

Was ist los mit dem österreichischen Finanzplatz?
Eine der spannendsten Fragen für österreichische Finanzberater lautet derzeit wohl: Was ist los mit dem österreichischen Finanzmarkt? Schließlich kommt der ATX kaum vom Fleck. Kaldemorgen betont, dass er beim Kauf von Aktien nicht einzelne Länder, sondern Unternehmen und Sektoren in den Vordergrund stellt, allerdings würde er diese nicht unbedingt in Österreich suchen. Für Traindl liegen die Probleme am österreichischen Finanzplatz indes auf der Hand: Denn um österreichsiche Titel wieder nach oben zu treiben, bräuchte es eine Hausse von Finanztiteln, Versorger und Öltiteln, und diese liefen in der vergangenen Zeit eben nicht besonders gut. (cf)