Asoka Wöhrmann, Chefstratege der DWS, blickt optimistisch auf den Rest des Jahres. "Europa hat die Intensivstation verlassen", sagte er am Mittwochnachmittag auf dem FONDS professionell KONGRESS in Wien. "Wir liegen noch im Krankenhaus, sind aber nicht mehr unmittelbar vom Tod bedroht." Die Konsequenzen für Anleger stellte er im vollbesetzten Saal plastisch dar: "Sie können wieder – ich möchte nicht sagen: kräftig zubeißen – aber: kräftig zugreifen!" Wer immer noch Angst vor dem Euro-Zusammenbruch habe, werde von gut laufenden Aktienmärkten nicht profitieren können.

Investoren fassen wieder Vertrauen
"Die Märkte unterschätzen gerne die Entschlossenheit der Politik", sagte Wöhrmann. Er verwies etwa auf Mario Draghi: Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte im Juli vergangenen Jahres angekündigt, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, um den Euro zu retten. "Diesen Schritt hatte ich nicht erwartet", räumte er ein. Insbesondere angelsächsische Investoren seien begeistert, so Wöhrmann. "Die sagen sich: Die EZB steht hinter jeder Staatsanleihe!"
Inzwischen sei das Vertrauen der Investoren so groß, dass Spanien kürzlich eine 30-jährige Staatsanleihe habe begeben können. Vor der Draghi-Rede in London hatten Anleger den Spaniern höchstens Papiere mit zwei Jahren Laufzeit abgekauft – und auch das nur mit hohen Zinsen als Risikoprämie.

Positive Trends in der Peripherie
Allerdings macht Wöhrmann nicht nur Draghi für die Wende zum Besseren verantwortlich. Auch in den Peripherieländern selbst habe sich viel getan. Für dieses Jahr erwartet er eine ausgeglichene Leistungsbilanz in den schuldengeplagten Euro-Randstaaten. Vor fünf Jahren kam die Euro-Peripherie noch auf ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit von acht Prozent. Der Primärsaldo, also der Staatshaushalt vor Zinszahlungen, sei inzwischen sogar wieder im schwarzen Bereich, lobte Wöhrmann.

Diese positiven volkswirtschaftlichen Trends seien Ergebnis eines "schmerzhaften Anpassungsprozesses", so der Stratege der Deutsche-Bank-Fondstochter. Er verwies etwa auf die hohe Arbeitslosigkeit, mit der Spanien oder Griechenland zu kämpfen haben. "Nicht vergessen darf man auch, dass alle Regierungen, die den Konsolidierungsprozess vorangetrieben haben, in den vergangenen anderthalb Jahren abgewählt wurden." Das Volk wehre sich gegen die harten Einschnitte, an denen letztlich jedoch kein Weg vorbeiführe.

"Die finanzielle Repression ist längst Realität!"
Wichtig ist Wöhrmann auch, dass die Kapitalflucht aus der Euro-Peripherie inzwischen gestoppt ist. "Allein im Juli vergangenen Jahres sind die Bankeinlagen in Spanien um fünf Prozent geschrumpft – eine dramatische Größenordnung", sagte der DWS-Manager. "Es gibt drei Dinge, die wir Investoren nicht sehen wollen: Krieg, Terrorismus – und einen Run auf die Banken." Dieses systemische Risiko habe die EZB nun ausgeschaltet.

Einfach sind die Zeiten für Anleger freilich trotzdem nicht. Wöhrmann warnte eindringlich davor, die finanzielle Repression zu unterschätzen, die das Vermögen der Sparer dahinschmelzen lasse. "Die Realzinsen werden noch sehr lange Zeit negativ bleiben", sagte er. Nach Inflation verlieren Anleger derzeit rund ein Prozent pro Jahr, wenn sie in fünfjährige Bundesanleihen investieren. "Die finanzielle Repression ist kein theoretisches Konstrukt, sie ist längst Realität! Und sie hat gerade erst begonnen." Er griff zu einem anschaulichen Beispiel, um die Konsequenzen zu verdeutlichen: "Wer sich heute einen 50-Euro-Schein in die Tasche steckt und ihn dort zehn Jahre lang vergisst, wird wahrscheinlich nur noch einen 20-Euro-Schein wiederfinden."

Kurs-Buchwert-Verhältnis spricht für Aktien
Um der finanziellen Repression zu entgehen, sind für Wöhrmann Aktien erste Wahl: "Sie sind Sachwerte, jederzeit liquide, zahlen meist eine Dividende und ermöglichen einfach eine Diversifikation. Aktien sind in der finanziellen Repression das beste,was Sie kriegen können!"
Wöhrmann kennt die Bedenken zahlreicher Anleger, schließlich notieren viele Indizies schon wieder auf Mehrjahreshochs – Aktien wirken daher auf den ersten Blick nicht mehr billig. "Das ist allerdings nicht richtig", sagte Wöhrmann. "Das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt nach wie vor deutlich unter dem langjährigen Schnitt." Außerdem seien europäische Pensionskassen und Versicherungen kaum am Aktienmarkt engagiert, hier gebe es deutliches Nachholpotenzial. "Bislang läuft die Rally quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit", so Wöhrmann. Daher sei es durchaus ratsam, auch nach dem starken Kursanstieg Geld in Aktien zu investieren. "Von mir werden Sie den Spruch ‚Warten Sie auf einen Rückschlag!‘ nicht mehr hören", sagte er. Wichtig sei freilich, bei Aktieninvestments einen ausreichend langen Anlagehorizont einzuplanen. Denn dass es an der Börse auch mal runter gehen kann, haben Investoren in den vergangenen Jahren oft genug lernen müssen. (bm)