Die Geduld der Vermögensberater, Versicherungsmakler und -agenten wird derzeit kräftig strapaziert. Sie sind heuer erstmals zu umfassender Fortbildung verpflichtet, haben aber noch keine offiziellen Lehrpläne. Und sie arbeiten auf Basis einer Gewerbeordnung, aus der alte Informations- und Beratungspflichten gestrichen wurden, während die geplanten neuen "Standesregeln" noch immer nicht verordnet sind. "Man kann nur hoffen, dass in der Zwischenzeit keine Haftungsfragen auftreten", sagt Christoph Berghammer, Fachverbandsobmann der Versicherungsmakler in der Wirtschaftskammer, in einem Bericht, der in der aktuellen Heftausgabe von FONDS professionell erschienen ist.

Lehrpläne und Standesregeln sind die letzten Verordnungen, die im Rahmen der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD in Österreich noch veröffentlicht werden müssen. Bitter für die Vermittler ist, dass es sich dabei ausgerechnet um zwei große und äußerst praxisrelevante Brocken handelt.

Kundmachung "eingeleitet"
Das Wirtschaftsministerium (BMDW) erklärte gegenüber der Redaktion, dass die Abstimmungsprozesse zu den Standesregeln für die gewerbliche Versicherungsvermittlung "abgeschlossen" sind. "Das Kundmachungsverfahren wurde bereits eingeleitet. Die Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt wird zeitnah erfolgen", hieß es Mitte Mai, kurz vor dem Auseinanderbrechen der türkis-blauen Koalition. Das abrupte Ende der türkis-blauen Koalition vergrößert die Unsicherheit; schon davor war aber enorm Sand im Getriebe.

Aus mehreren Ecken der Wirtschaftskammer hört man bereits seit Monaten deutlichen Unmut über die Politik: Während ehemals jeweils die "Spiegelminister" zweier Koalitionsparteien diverse Belange aushandelten, lief in der soeben beendeten ÖVP-FPÖ-Koalition alles zentral bei den Regierungskoordinatoren Gernot Blümel und Norbert Hofer zusammen. Das habe die Prozesse verlangsamt, selbst Fachmitarbeiter in Ministerien konnten kaum noch Zeiträume abschätzen, hörte man wiederholt. Auch die Standesregeln seien in diesem Umfeld unnötig lange festgehangen.

Einfluss und Geld
Noch mehr als die Standesregeln bereiten aber allen Beteiligten die Lehrpläne Kopfzerbrechen. Makler und Agenten müssen Ende 2019 verpflichtend 15 Stunden Weiterbildung vorweisen, die Vermögensberater brauchen 20 Stunden pro Jahr. Im Hintergrund geht es um Geld und Einfluss: Hierzulande muss mindestens die Hälfte der Schulungen bei unabhängigen Einrichtungen absolviert werden. Den Versicherungsunternehmen droht, dass die sektoreigene BÖV (Bildungsakademie der österreichischen Versicherungswirtschaft) nicht als unabhängig gewertet wird.

Die Fachverbände der Makler, Agenten und Vermögensberater haben in ihren Lehrplanvorschlägen relativ einheitlich festgehalten: Unabhängige Institute müssen frei von organisatorischem und inhaltlichem Einfluss der Versicherungsunternehmen (VU) sein. Horst Grandits, Obmann der Versicherungsagenten, sagt offen: "Aus unserer Sicht ist die BÖV nicht unabhängig, weil es sich um eine Einrichtung der Versicherungen handelt, die auch inhaltlich in deren Einfluss steht." Der Streit darüber sorge für Verzögerungen.

Ein Experte der Versicherungsseite kritisierte hingegen, dass die Fachorganisationen und WIFIs der Wirtschaftskammern, die unabhängig schulen dürfen, Inhalte teuer anbieten, die die BÖV online günstiger macht. Der Versicherungsverband VVO teilt jedenfalls mit, die BÖV gehe davon aus, dass sie sehr wohl unab­hängig sei.

Ministerium: "Lehrpläne fertig abgestimmt"
Am Ende muss das Wirtschaftsministerium entscheiden. Dort hieß es Mitte Mai zumindest, die Lehrpläne seien "fertig abgestimmt". Diese würden "nach Kundmachung der Standesregeln bestätigt". Welcher Zeitrahmen sich daraus ableiten lässt, wissen aber selbst die Vermittler-Obmänner nicht.

Sie sind unüberhörbar genervt: "Wir sitzen auf Nadeln. Für uns ist das eine Katastrophe", sagt ­Versicherungsmakler-Obmann Christoph Berghammer. Hannes Dolzer, ­Obmann der Vermögensberater, sieht ebenfalls "dringenden Bedarf". Zwar könne man davon ausgehen, dass "99,9 Prozent der Schulungen, die man heute macht, angerechnet werden", da die Module an sich ja feststehen. Die Debatte darüber, bei welchem Institut die Schulung nun als unabhängig gilt, dürfte aber bei den Betroffenen zu Recht Beunruhigung auslösen.


Der vollständige Artikel erscheint in der Heftausgabe von FONDS professionell 2/2019, die den Abonnenten dieser Tage zugestellt wird.