Wenn von Decentralised Finance – kurz Defi – die Rede ist, sind Finanzdienstleistungen gemeint, bei denen Transaktionen ohne Mittelsmann direkt auf einer Blockchain ausgeführt werden. Doch das Versprechen der kurzen Wege birgt auch Risiken, wie viele Anleger in den vergangenen Monaten schmerzhaft erleben mussten. Der promovierte Jurist Timo Bernau, der seit 2009 in der Kanzlei GSK Stockmann arbeitet, hat sich näher mit diesem jungen Marktsegment beschäftigt.


Herr Bernau, wie groß ist der Defi-Markt überhaupt?

Timo Bernau: Das tatsächliche Marktvolumen von Defi lässt sich nur schwer umreißen. Die Diskussion beginnt ja schon damit, was überhaupt in das Marktsegment einzuordnen ist und was nicht. Zusätzlich stellen sich Fragen nach der richtigen Bewertungsmethodik. In der Branche wird aber als maßgeblicher Indikator üblicherweise die Kennzahl TVL benutzt.

Wofür steht das Kürzel?

Bernau: Für "Total Value Locked", übersetzt etwa "festgelegtes Kapital". Gemeint ist der Gesamtwert aller Kryptowerte, die in Defi-Protokollen gesperrt sind. Dem Datenanbieter Defi Llama zufolge durchbrach der TVL erst Anfang 2020 überhaupt die Grenze von einer Milliarde US-Dollar und stieg noch im gleichen Jahr auf über zehn Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr wurde das Hoch bei rund 250 Milliarden US-Dollar erreicht. Gegen Ende Juni dieses Jahres betrug der TVL allerdings nur noch knapp 74 Milliarden US-Dollar. Das ist natürlich ein eklatanter Absturz.

Wie kam es zu diesem Crash?

Bernau: Die Ursachen sind erklärbar, verdeutlichen zugleich aber die Risiken, die mit dem noch jungen Markt einhergehen. In den ohnehin schwierigen Zeiten fallender Kurse und steigender Kosten – oder vielleicht gerade deswegen – hatte der Defi-Markt mit weiteren Problemen zu kämpfen. Zuerst sind bedeutende vermeintlich wertstabile Kryptowährungen, sogenannte Stable Coins, de facto ausgefallen, und dann kam es noch zu enormen Liquiditätsproblemen und einem Auszahlungsstopp bei einigen größeren Defi-Anbietern. Das hat in der breiten Masse erhebliches Vertrauen gekostet. Dennoch ist eine gewisse Marktbereinigung in der Anfangsphase einer neuen Entwicklung nicht außergewöhnlich. Da der Markt immer noch sehr jung ist und weiter einem technischen Wandel unterliegt, wird auch die zukünftige Entwicklung meines Erachtens von weiteren Schwankungen geprägt sein. Auf lange Sicht gehe ich aber davon aus, dass der Markt erwachsener wird und sich die mit den technischen Innovationen einhergehenden Vorteile durchsetzen. So spannend und rasant viele Entwicklungen in technischer Hinsicht natürlich sind, muss der Markt für die breite Masse vermutlich etwas "langweiliger" werden.

Wo liegen derzeit die wesentlichen Risiken für Anleger?

Bernau: Der Defi-Markt unterscheidet sich in einer Hinsicht nicht vom sonstigen Markt: Dort, wo es große Chancen gibt, sind auch die Risiken nicht weit. Das haben die vergangenen Turbulenzen verdeutlicht. Dessen ungeachtet lässt sich nicht leugnen, dass der Markt und damit viele der angebotenen Dienstleistungen wie erwähnt noch nicht etabliert ist. Es hat sich gezeigt, dass einige hoch innovative Geschäftsmodelle in bestimmten Stress-Szenarien offenbar nicht markttauglich sind, in extreme Schwierigkeiten geraten und kollabieren. Hier rächt sich möglicherweise zu einem gewissen Grad auch die fehlende Regulierung sowie ein nicht ausreichend strenges Liquiditäts- und Risikomanagement. Für die Anleger verwirklicht sich dann ein doppeltes Risiko.

Wie meinen Sie das?

Bernau: Gerät eine Defi-Anwendung in Schwierigkeiten, kann weder der Staat regulierend eingreifen noch hat der Anleger die Möglichkeit des Zugriffs oder einen direkten Anspruchsgegner. Systeme der Einlagensicherung oder Anlegerentschädigung existieren nicht. Der Markt reguliert sich also selbst. Schlussendlich darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass auch Defi-Angebote als technikbasierte Lösungen in besonderem Maße technischen Angriffen von außen ausgesetzt sein können. Auch das haben wir leider zuletzt immer wieder gesehen.

Vielen Dank für das Gespräch. (mh)