Die EU-Kommission hat im September 2020 einen Aktionsplan mit 16 Maßnahmen vorgelegt, der die Europäische Union auf dem Weg zu einer echten Kapitalmarktunion weiterbringen soll. Wie im Warenverkehr soll auch das Kapital zunehmend ohne Hindernisse grenzüberschreitend fließen. Das Paket betont im Unterschied zu einem ersten Aktionsplan aus dem Jahr 2015 sehr deutlich die Rolle der Kleinanleger. Bei der europäischen Fondsvereinigung EFAMA, die den gesamten Plan als "Meilenstein" sieht, zeigt man sich gerade über den Fokus auf die Privatanleger sehr erfreut.

"Das ist absolut wichtig, wenn Sie besser funktionierende Kapitalmärkte haben wollen. In vielen europäischen Ländern haben wir keine so ausgeprägte Aktien- und Investmentkultur wie in anderen Teilen der Erde", sagt Vincent Ingham, Regulierungschef des europäischen Fondsverbands EFAMA in einem Interview mit FONDS professionell. Die vollständige Version ist in der aktuellen Ausgabe 4/2020 erschienen. "Man muss also Bedingungen schaffen, damit sich die Bürger auf dem Kapitalmarkt sicherer fühlen", erklärt er.

Rasche Lösung des PRIIPs-Problems gefordert
Um das Vertrauen der Kleinanleger zu gewinnen, müssten zum Beispiel die Offenlegungsverpflichtungen vereinheitlicht werden. Dass etwa die Transaktionskosten im Kontext von ­Mifid II und von PRIIPs unterschiedlich definiert sind, stifte Verwirrung und Verunsicherung.

Was die PRIIPs betrifft, kam es im Sommer zum Streit zwischen den europäischen Aufsichtsbehörden über die Kostendarstellung. Seitdem hängt das Ganze auf Ebene der EU-Kommission. "Aus unserer Sicht ist die Überarbeitung der PRIIPs-Regulierung äußerst dringend. Denn die PRIIPs-KIDs gelten ab Anfang 2022 auch für die aktuell noch ausgenommenen UCITS-Fonds", so Ingham. Eine rasche Lösung sei wichtig, wenn man nicht die Glaubwürdigkeit und die Reputation der UCITS-Fonds gefährden wolle.

Lob für verbesserte Möglichkeiten
Abgesehen von mehr Transparenz für Anleger sieht der Aktionsplan unter anderem auch eine breitere Investitionsbasis vor. So soll die Einrichtung der bisher nicht gerade zahlreich vorhandenen ELTIF-Fonds erleichtert werden, über die Privatanleger bereits jetzt in Infrastruktur, Private Equity oder Private Debt investieren können.

"Dieser neue Aktionsplan muss wirklich willkommen geheißen werden, weil er die richtigen Prioritäten setzt", lobt Ingham die Bemühungen. "Wenn diese Vorschläge in die Realität umgesetzt werden, ist das ein wichtiger Schritt in Richtung eines tieferen, integrierteren, liquideren Kapitalmarktes in Europa", sagt er. Profitieren würden Unternehmen, die nach alternativen Finanzierungsquellen suchen, und Anleger, die neue langfristige Investmentmöglichkeiten bekommen.

Unterschiedliches Qualifikationsniveau
Der Aktionsplan adressiert auch das europaweit unterschiedliche Qualifikationsniveau und Ausbildungen für Finanzberater. Auf die Frage, ob es einen einheitlichen Standard geben soll, warnte Ingham vor zu strengen Vorgaben. "Ich glaube definitiv, dass man mehr auf die Qualifikation der Finanzberater schauen muss. Ich wäre nur vorsichtig, sie in ein zu enges Korsett zu pressen. Ein einheitliches Konzept für alle birgt das Risiko, dass die Beratung weniger verfügbar oder teurer wird", so der Experte. (eml)


Das komplette Interview finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2020 von FONDS professionell ab Seite 244. Es kann auch hier im E-Magazin gelesen werden (Anmeldung erforderlich).