"Die massiven realwirtschaftlichen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten durch die COVID-19-Pandemie sowie das anhaltende Niedrig- und zum Teil sogar Negativzinsumfeld sind die wohl größten Herausforderungen für die österreichische Versicherungswirtschaft," fasst der Vorstand der Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA), Helmut Ettl und Eduard Müller, den kürzlich veröffentlichten "Bericht der FMA 2021 zur Lage der österreichischen Versicherungswirtschaft“ zusammen.

Die COVID-19-Turbulenzen haben die hohe Solvabilitätsquote zwar unter Druck gebracht – der Median der Solvabilitätsquote lag zum Jahresultimo 2019 bei 230 Prozent, 2020 bei 216 Prozent –, sie erholte sich laut der FMA aber im ersten Halbjahr 2021 wieder signifikant, und zwar auf 221 Prozent. Somit verfügt mehr als die Hälfte der Versicherer über doppelt so viel Eigenmittel als aufsichtsrechtlich erforderlich. Trotz des schwierigen Umfeldes sei überdies bisher auch keine Verschlechterung der Kreditqualität, also der Bonität, des Veranlagungsportfolios der Versicherungsunternehmen feststellbar, so der Bericht. Die FMA rechnet aber damit, dass wegen der geringeren Erträge und höheren Risiken von Anleihen die Versicherer langfristig verstärkt in alternative Anlageklassen investieren werden. 

Stresstests zeigen Verlustpotenzial
Da einerseits die Klimakrise Häufigkeit und Ausmaß von Schäden durch Naturkatastrophen steigen lässt, andererseits der Umstieg auf eine CO2-neutrale Wirtschaft die Werthaltigkeit davon betroffener Vermögenswerte in Frage stellt, hat die FMA in diesem Makrobericht 2021 einen Fokus auf die Analyse der Nachhaltigkeitsrisiken gelegt. Dabei hat die Analyse von Aktien und Unternehmensanleihen im Gesamtvolumen von 38 Milliarden Euro im Bestand der heimischen Versicherer aufgezeigt, dass sie im internationalen Vergleich stärker in den kritischen Branchen elektrische Energie, Stahl sowie Erdöl und Erdgas investiert sind. Gleichzeitig aber wiederum innerhalb dieser Branchen überproportional bei Anbietern mit vergleichsweise CO2-armen Technologien. Ein Klima-Stresstest der FMA zum Stichtag 30.6.2021 hat ergeben, dass in einem Schockszenario bei Aktien Wertverluste von bis zu 185 Millionen oder -2,2 Prozent auf das analysierte Aktienportfolio drohen, bei Unternehmensanleihen von bis zu 113 Millionen Euro oder -0,4 Prozent. Ein ähnlicher Stresstest auf das Staatsanleihen-Portfolio, das von der österreichischen Versicherungswirtschaft gehalten wird (insgesamt wurden 22 Mrd. Euro an Staatsanleihen einem solchen Screening unterzogen), ergab zum 30.6.2021 ein Verlustpotenzial von 130 Millionen oder -0,58 Prozent.

Große Unterschiede in der Anlagestrategie
In der Anlagestrategie verfolgen die heimischen Versicherungsunternehmen zum Teil sehr unterschiedliche Strategien. So haben drei Anbieter mehr als drei Viertel ihres Vermögens in Fonds investiert, vier andere halten es zu mehr als 25 Prozent in Immobilien. Die wichtigsten Assetklassen (Stand Mitte 2021) sind: Unternehmensanleihen 20,0%, Staatsanleihen und Beteiligungen 18,8 Prozent, Fonds 17,9 Prozent, Beteiligungen 18,8 Prozent, Immobilien 7,3 Prozent, Hypotheken und Darlehen 4,5 Prozent, Barmittel und Einlagen 2,6 Prozent sowie Aktien 1,1 Prozent. Der Rest verteilt sich auf sonstige Vermögenswerte. Während der Anteil der Anleihen in den vergangenen Jahren tendenziell rückläufig ist, stagnieren die Fondsinvestments, alle andere Assetklassen legen langsam zu. (gp)