Anfang des Jahres übernahm Gernot Blümel das Ruder im Finanzressort. Der mittlerweile 24. Finanzminister der Zweiten Republik hat dabei kein leichtes Los gezogen, die anhaltende Coronavirus-Krise und deren Folgen lassen die Staatsschulden nach oben schnellen und reißen auch im nächsten Jahr ein tiefes Loch in den Haushalt. Trotzdem hat er es noch nicht bereut, den Job angenommen zu haben. So meint der Finanzminister im Gespräch mit FONDS professionell, dass es eine spannende Aufgabe sei, jetzt in dieser Phase Finanzminister zu sein. "Natürlich haben wir alle uns das erste Halbjahr der Regierung anders vorgestellt, aber das trifft aktuell auf die Regierungen weltweit zu", so Blümel. 

"Covid-19-Krise ist zwar teuer, aber wir können sie uns leisten"
Europaweit wurden im Verlauf der Coronavirus-Krise massive Schutzschirme für die Wirtschaft aufgespannt. In Österreich ist dieser mittlerweile auf bis zu 50 Milliarden Euro angewachsen. Laut Blümel ist davon bereits rund die Hälfte ausbezahlt. Ob das reichen wird ist allerdings fraglich, so betont der Finanzminister, dass man auch weiterhin alles tun werde, um so viele Unternehmen und Arbeitsplätze wie nur möglich zu retten. "Je mehr Unternehmen und Arbeitsplätze uns jetzt erhalten bleiben, desto leichter wird es sein, nach der Krise einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erzielen, und nur so kann langfristig auch unser Wohlstand gesichert werden. Die budgetäre Antwort auf die Covid-19-Krise ist zwar teuer, aber wir können sie uns leisten. Zweitens müssen wir natürlich die Neuverschuldung und die Schuldenquote im Auge behalten. Dafür haben wir in unserem Budget einen klaren Fahrplan vorgelegt. Unser Ziel ist es, noch in dieser Legislaturperiode Schulden abzubauen, um den Weg Richtung fiskalischer Normalität zu gehen", meint Blümel.

"Wir müssen Anreize schaffen"
Angesichts der Coronakrise und des weiterhin bestehenden Nullzinsumfelds ist aber auch eine Stärkung des heimischen Kapitalmarktes wichtiger denn je. Und hier finden sich zumindest im Regierungsprogramm einige Maßnahmen, etwa die Abschaffung der KESt bei gleichzeitiger Behaltefrist oder die Stärkung der Eigenkapitalbasis der Unternehmen. Und laut Blümel hat man diese geplanten Maßnahmen auch weiterhin auf der Agenda: "Um den Bürgern den Einstieg und die Teilnahme am Kapitalmarkt zu erleichtern und private Initiativen zur Altersvorsorge zu unterstützen, müssen wir Anreize schaffen, damit die Menschen – gerade in Zeiten der Nullzinsen – ihr Geld auf dem Kapitalmarkt auch entsprechend anlegen können. Daher müssen – zusätzlich zum Sparbuch – alternative Anlageformen attraktiver werden. Daher haben wir im aktuellen Regierungsprogramm vereinbart, eine Behaltefrist zu definieren, die dieses Ziel gewährleistet. Denn uns ist wichtig, dass die zukünftige Befreiung Sparer unterstützt und nicht Spekulanten fördert".

Wann diese Anreize genau kommen werden, lässt der Finanzminister allerdings offen. Derzeit liege der  Hauptfokus auf der Bekämpfung des Coronavirus und der gezielten Unterstützung der Menschen sowie der Wirtschaft. "Wir werden uns aber Schritt für Schritt wieder jenen Fragestellungen widmen, die vor der Krise in Arbeit waren, diese evaluieren und ausgestalten", so Blümel. 

Finanzbildung
Für all diese Themen braucht es laut Blümel neben politischem Willen auch mehr Verständnis für Finanzthemen in der Bevölkerung. Daher hat sich das Finanzministerium nun dem Thema Finanzbildung angenommen. Ziel sei es nun eine Gesamtstrategie für diesen Bereich zu erarbeiten. "Finanzbildung ist die Basis für einen modernen und wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort. Derzeit gibt es bei vielen Menschen große Unsicherheiten im Umgang mit Finanzen, und das hat gravierende Folgen: 30 bis 40 Prozent der Ungleichheiten bei der Altersvorsorge entstehen durch Unterschiede im Finanzwissen.

Darüber hinaus fühlen sich 40 Prozent der jungen Erwachsenen nicht sicher genug, um den Kauf, die Miete oder das Leasing größerer Einkäufe zu tätigen. 34 Prozent aller österreichischen Haushalte sind gar verschuldet. Es braucht daher eine Gesamtstrategie zur Finanzbildung, die wir gemeinsam mit den österreichischen Stakeholdern erarbeiten. Dabei geht es nicht nur um mehr Schulstunden, sondern um eine breite Wissensvermittlung. Wir wollen, dass die Österreicher gute Finanzentscheidungen treffen, individuell vorsorgen und mehr aus ihrem Geld machen können. Wir haben diesen Prozess jetzt gestartet und sammeln aktuell Stimmen unterschiedlicher Stakeholder als Basis für eine nationale Strategie", beschreibt der Finanzminister seine Strategie. (gp)


Das komplette Interview erscheint in Heftausgabe 4/2020 von FONDS professionell, die Abonnenten in diesen Tagen zugestellt wird. Darin äußert sich Blümel auch ausführlich zu Themen wie  "Green Bonds“, Zukunft des heimischen Pensionssystem, prämienbegünstigter Zukunftsvorsorge, "Pan European Pension Product" oder der Reform der Finanzmarktaufsicht.