Am gestrigen Donnerstag (9. Mai) hatte das Münchener Landgericht einen ungewöhnlichen Fall zu entscheiden: Ein Ex-Mitarbeiter der BMW Bank soll über Jahre ein Schneeballsystem unterhalten haben – allerdings, und das ist das Skurrile daran, ohne die quasi selbstverständliche Absicht, persönlichen Profit daraus zu ziehen. Eine Kundin der Bank sieht sich um ihr Vermögen in Höhe von 1,6 Millionen Euro gebracht und hat deshalb geklagt. Der Vorwurf: Die Bank hätte die Machenschaften ihres Mitarbeiters früher erkennen und aufdecken müssen.

Der Fall ist schon sonderbar: Der leitende Mitarbeiter schanzte Auto-Käufern – darunter auch der Geschädigten – über Jahre hinweg extrem günstige Konditionen zu, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Demnach verkaufte er Neuwagen für mehrere tausend Euro unter dem Listenpreis und verleaste Fahrzeuge obendrein wesentlich günstiger als offiziell möglich. Das zum Ausgleich der großzügigen Nachlässe benötigte Geld besorgte er sich über Anzahlungen auf andere Neuwagenkäufe – und schoss obendrein selbst noch eigenes Geld zu, um nicht aufzufliegen.

Später bot er der Klägerin an, in sein vermeinlich lukratives Leasinggeschäft einzusteigen. Er könne in ihrem Auftrag Leasingwagen aufkaufen, die Kunden zurückgegeben hätten und sie dann mit Gewinn weiterverkaufen, so sein Angebot, Dafür erhalte sie eine attraktive Rendite von mindestens acht Prozent. Derart überzeugt, überließ ihm die Klägerin schließlich besagte 1,6 Millionen Euro zur vermeintlichen Geldanlage, aus denen der Beklagte sein System im Folgenden maßgeblich finanzierte, so der Vorwurf. Das Geld bekam sie nie wieder, bis auf anfänglich einige tausend Euro an vermeintlicher Rendite.
  
"Auffällig wie ein brennendes Haus"
Der BMW-Bank-Manager verdiente an dem ganzen System nichts – niemals. Warum dann der ganze Aufwand? "Ich kann es mir selbst kaum richtig erklären", sagt er der SZ zufolge vor Gericht. Es könne damit zu tun haben, dass er "etwas gelten wolle". Auch habe es ihm Freude gemacht, wenn andere ein gutes Fahrzeug bekommen. "Ich habe damit definitiv kein Geld verdient und wollte das auch nicht." 

Der Mann hat wegen seiner Machenschaften bereits eine Haftstrafe abgesessen. Die Geprellte hat die BMW Bank schließlich auf Schadenersatz verklagt. Ihrer Ansicht nach hätte der betrügerische Mitarbeiter bei genauem Hinsehen auffliegen müssen. "Herr N. war auffällig wie ein brennendes Haus", brachte es ihr Anwalt auf den Punkt.

Doch auch sie hätte sorgfältiger sein können. Als die heute 61-Jährige im Sommer 2011 den Kaufvertrag für einen "BMW Mini Cooper" unterschreibt, den der Beklagte von seiner offiziellen BMW-Mailadresse schickte, hätte sie stutzig werden können: Denn auf dem Vertragsformular stand statt der Geschäftsadresse von N. seine Privatanschrift. Dass als Bankverbindung das Privatkonto von N. bei einem anderen Geldhaus angegeben war, hätte die Alarmglocken zum zweiten Mal zum Schrillen bringen müssen – doch die Klägerin will auch hier nicht ins Grübeln gekommen sein.

Interne Revision ausgetrickst
Der Bank selbst hingegen waren die merkwürdigen Aktivitäten ihres Mitarbeiters Ende 2011 sehr wohl aufgefallen. Für Aufmerksamkeit der Revionsabteilung sorgte die ungewöhnlich hohe Zahl an Miet- und Finanzierungsverträgen, die über ihn liefen. Von Verbindlichkeiten in Höhe von 973.671 Euro war laut SZ die Rede. Der Beklagte räumte damals ein, die Verträge für Kunden abgeschlossen zu haben und argumentierte, dass er damit kein Geld verdiene – das überzeugte!

Genau damit verteidigte sich die BMW Bank laut SZ bei der letzten Gerichtsverhandlung im Herbst 2017: Niemand sei auf die Idee gekommen, dass sich jemand ein System aufbaue, von dem er selbst nicht profitiere. "Wir wussten nicht und haben auch nicht damit gerechnet, dass Herr N. Geld in sein System hineinpumpt, um die Konditionen der Dritten zu verbessern. Das hielten wir für wirtschaftlich derart fernliegend, dass wir das nicht in Betracht gezogen haben“, sagte ein Mitarbeiter der Revision damals. Die Prüfer verlangten von N. daraufhin lediglich, dass er die Verträge auf die jeweiligen Kunden umschreibt, was auch geschah. N. rechnete damals fest damit, entlassen zu werden. Doch die Kündigung kam nicht – bis sein System implodierte.

Vergleich geschlossen
Vor Gericht einigten sich beide Seiten darauf, dass die BMW Bank der Klägerin 150.000 Euro erstattet und im Gegenzug 100.000 Euro aus der Betriebsrente von N. erhält, welche dieser an die Geschädigte abgetreten hatte. Der zuständige Richter stellte Versäumnisse aufseiten der Bank-Compliance fest, gab der Klägerin allerdings eine Mitschuld an ihrer Misere. Die Anwälte der BMW Bank, so die SZ, wiesen jede Verantwortung von sich und argumentierten unter anderem mit Verjährung. (fp/ps)