Die Finanzbranche soll noch in diesem Jahr erstmals Zugang zu einer europäischen Variante digitalen Zentralbankgeldes erhalten. Die sogenannte Wholesale-CBDC werde den Finanzinstituten im Rahmen des "Pontes Initial Launch" zur Verfügung gestellt, kündigte Bundesbank-Vorständin Fritzi Köhler-Geib bei einer Rede in Hamburg an.

Anders als der für Privatpersonen vorgesehene digitale Euro richtet sich die Wholesale-CBDC an Banken und andere Finanzmarktakteure. Mit beiden Projekten will das Eurosystem ein öffentliches europäisches Angebot für digitale Zahlungen schaffen. Dies sei besonders wichtig, weil digitale Zahlungsströme zunehmen und private sowie ausländische Anbieter an Bedeutung gewinnen.

Große Abhängigkeit im Zahlungsverkehr
Wie stark Europa bei Zahlungen auf Unternehmen von außerhalb des Kontinents angewiesen ist, zeigt eine von Köhler-Geib genannte Zahl: 2022 wurden knapp zwei Drittel der Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Anbieter abgewickelt. Auch bei digitaler Infrastruktur und Technologie ist die Abhängigkeit groß. Mehr als 80 Prozent davon importiert Europa nach Angaben der Bundesbank-Vorständin von nicht europäischen Anbietern.

Köhler-Geib plädierte deshalb dafür, Europas finanzielle und technologische Handlungsfähigkeit zu stärken. Dazu gehörten die Vollendung des Binnenmarkts und eine stärkere Integration der Finanzmärkte. Aufstrebende Unternehmen stießen beim grenzüberschreitenden Wachstum noch zu häufig auf nationale Rechtsgrenzen. Abhilfe könnten das sogenannte "28th Regime" und eine gemeinsame europäische Unternehmensform namens "EU Inc." schaffen.

Wagniskapital bleibt knapp
Bei Innovationen sieht Köhler-Geib Deutschland grundsätzlich gut aufgestellt, bei deren Finanzierung und Skalierung aber im Hintertreffen. Hierzulande fließen 0,24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Wagniskapital. In den USA sind es 0,87 Prozent, im EU-Durchschnitt 0,23 Prozent. Vor allem bei größeren Finanzierungen in späteren Wachstumsphasen bestehe Nachholbedarf.

Auch beim Einsatz künstlicher Intelligenz gibt es laut Köhler-Geib Luft nach oben. Deutschland liegt im EU-Vergleich auf Rang acht. Zugleich erwarten 54 Prozent der deutschen Unternehmen, die KI nutzen, dadurch eine deutliche Steigerung ihrer Produktivität. Für mehr technologische Eigenständigkeit brachte Köhler-Geib unter anderem ein gemeinsames europäisches KI-Großprojekt nach dem Vorbild von Airbus ins Spiel.

Schwaches Potenzialwachstum
Die deutsche Wirtschaft zeigt nach Einschätzung der Bundesbank zwar wieder Aufwärtstendenzen. Die Prognose vom Juni sieht für 2026 ein kalenderbereinigtes Wachstum von 0,5 Prozent, für 2027 von 0,8 Prozent und für 2028 von 1,4 Prozent vor. Wegen der bisherigen Quartalsentwicklung könnte das Plus im laufenden Jahr etwas höher ausfallen.

Das langfristige Wachstumspotenzial beziffert die Bundesbank allerdings nur noch auf rund 0,4 Prozent jährlich. Vor zehn Jahren sei es noch drei bis vier Mal so hoch gewesen. Als Belastungen nannte Köhler-Geib hohe Lohnnebenkosten, Bürokratie, Digitalisierungsdefizite und den demografisch bedingten Fachkräftemangel. (mb)