Blockchain-Experte: "Müssen uns die 100.000 Jobs wieder zurückholen"
Nach einem internationalen Treffen in Wien formieren sich Start-ups und Investoren mit einem Arbeitspapier: Europa verliere wegen selbstgemachter Hindernisse bei der Tokenisierung Hunderte Milliarden Euro an Wertschöpfung.
In der Welt der digitalen Finanzströme spielt Europa kaum eine Rolle: Wer grenzüberschreitend zahlt, macht das in der Regel über die US-Kartenanbieter Visa und Mastercard oder über ein US-Portal wie Paypal. Und bei der Blockchain-Revolution wird Europa erneut abgehängt. So sind 99 Prozent der Stablecoin-Emissionen an den US-Dollar gekoppelt. Im 300 Milliarden US-Dollar schweren Stablecoin-Universum macht die Euro-Marktkapitalisierung einen Kleinanteil von 615 Millionen Euro aus, wie eine Studie ("Stablecoins and Monetary Policy Transmission") der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt.
Aus Wien kommt nun eine von der Branche getriebene Lösungsinitiative: Am Donnerstag (2.7.) veröffentlichen die Veranstalter des "Vi3nna Congress" eine "Deklaration", die beim Kongress im Mai von den Teilnehmern erarbeitet wurde. "Es ist keine Wunschliste, sondern ein Arbeitspapier", betonte Jana Faschinger, Projektmanagerin bei Vi3nna Congress, bei einer Pressekonferenz. Mitgearbeitet haben laut den Angaben Universitäten, Industrie, Investoren und Regulatoren. Wenn sich in Bereichen nichts bewegt, werde man das aufgreifen, so Faschinger.
Einbruch bei Jobs
Vor allem streben die Autoren der Deklaration eine Vereinheitlichung der Regulierung an. Jährlich würden allein wegen der europäischen Fragmentierung 300 Milliarden Euro in Richtung US-Anbieter abfließen, sagte Oliver Schmitt, Geschäftsführer des Web3-Beratungs- und Investmentunternehmens Valuex und Teilhaber von WebXevents, das den Vi3nna Congress ausrichtet. Die Zahl der Jobs in der Blockchain-basierten europäischen Finanzindustrie sei zwischen 2022 und 2025 von rund 100.000 auf 10.000 eingebrochen.
Europa müsse seine Stärken bei Standards wie Rechtssicherheit, Glaubwürdigkeit und verlässlicher Regierungsführung ausspielen, aber zu verbesserten Bedingungen: "Wir haben das komplette Regelwerk, aber die Teile passen nicht zusammen, und es ist zu teuer, sie zusammenzufügen", so Schmitt, der auf die Fülle an Vorgaben verwies, von MiCAR, AMLR, DORA und AI Act bis DAC8. Die Compliance-Kosten müssten sinken, und es brauche eine einheitliche europäische Registrierungs- und Aufsichtsstelle für Finanzunternehmen aus der digitalen Ökonomie. Damit würden nicht nur die Prozesse vereinfacht, sondern auch die momentan auftretende Aufsichtsarbitrage vermieden.
Bis zu 800 Milliarden Euro an zusätzlichem BIP
Durch eine Beseitigung der Fragmentierung und verbesserte Finanzierungsbedingungen könnten 300 bis 800 Milliarden Euro an zusätzlicher EU-Wirtschaftsleistung zwischen 2026 und 2035 mobilisiert werden. Diese Zahlen könne man im Abgleich mit den Positionspapieren von Mario Draghi und Enrico Letta sowie IWF-Analysen erwarten. Hochwertige Arbeitsplätze würden in den Bereichen Compliance, Engineering und Marktinfrastruktur wieder aufgebaut. "Wir müssen uns die 100.000 Jobs wieder zurückholen", so Schmitt.
Er sieht ein Chancenfenster: "Das Finanzsystem wird durch KI, Tokenisierung und programmierbares Geld gerade neu geschrieben, aber mit Infrastruktur, die nicht aus Europa stammt", so Schmitt, der das enorme Wachstum in dem Bereich hervorhob. Tokenisierte Real-World-Assets bewegten im Vorjahr mit gut 30 Milliarden Dollar mehr als einzelne Kartennetzwerke; bis 2030 soll dieses Volumen 16 Billionen US-Dollar erreicht haben.
"Fall Tether darf sich nicht wiederholen"
Was sich nicht mehr wiederholen dürfe, sei die Geschichte von Tether, warnte bei der Pressekonferenz Christian Pirkner, Chef der mobilen Zahlungslösung Bluecode: Tether ist global der wichtigste Stablecoin; gebunden an den US-Dollar handelt es sich dennoch um ein Produkt europäischer Köpfe: Gegründet wurde er von den Italienern Giancarlo Devasini und Paolo Ardoino.
"Wir wissen, wie es geht", so Pirkner. Man müsse den klugen Köpfen aber auch die entsprechenden Möglichkeiten einräumen. "Wir brauchen Wertschöpfung in Europa. Wenn wir denselben Lebensstandard für unsere Kinder wollen, wie wir ihn haben, müssen wir bei der Technologie eine Rolle spielen", so Pirkner.
"Payment Roaming"
Der Zahlungsverkehr sei ein wesentlicher Anwendungsfall für tokenisierte Prozesse, sagte der mehrfache Start-up-Gründer, der auch in den USA arbeitete. Unverständlich ist für ihn, dass Europa noch kein einheitliches grenzübergreifendes Zahlungsschema hat. Eine Interoperabilität zwischen den verschiedenen nationalen Bezahlsystemen sei unerlässlich. "Es ist wie beim Roaming, man kann in ganz Europa telefonieren, dasselbe sollte man bei Bezahllösungen machen. Wir brauchen ein Payment Roaming", so Pirkner.
Max Bernt, Chef des Steuerberatungsunternehmens Taxbit, forderte die Industrie auf, den Entscheidungsträgern in Aufsicht und Politik Informationen zur Verfügung zu stellen. Das Verständnis über digitale Assets, Blockchain, KI sei heute weiter als vor fünf Jahren. "Jetzt nimmt die Technologie jeder ernst. Es setzt sich auch bei den Behörden durch, dass es eine intelligente Regulierung braucht", so Bernt. Die Regulatoren würden mittlerweile aktiv nach Informationen zu diesen Themen suchen. (eml)















