Betrüger setzen heute auf professionelle Strukturen, künstliche Intelligenz (KI) und psychologische Tricks. Im Interview erklärt Sandra Pöheim von Watchlist Internet, welche Entwicklungen sie derzeit besonders beobachtet und welche Schutzmaßnahmen Verbraucher und Anleger ergreifen können.


Frau Pöheim, Internetbetrug wirkt heute deutlich professioneller als noch vor einigen Jahren. Täuscht dieser Eindruck?

Sandra Pöheim: Nein. Vor allem die Weiterentwicklung von KI-Tools hat dazu beigetragen. Davon profitieren auch Kriminelle. Phishing-Mails oder SMS erkennt man heute kaum noch an Rechtschreib- oder Grammatikfehlern, weil sich Texte mit KI problemlos professionell formulieren lassen. KI wird aber auch bei der Gestaltung von Werbung und Websites eingesetzt. Auf Fake Shops sehen wir zunehmend KI-generierte Bilder von Fabriken, Beschäftigten oder angeblichen Geschäftslokalen. Hinzu kommen Deepfake-Videos: Dabei werden bekannten Persönlichkeiten Aussagen in den Mund gelegt, die sie nie getroffen haben, etwa vermeintliche Investmenttipps von Politikern oder Moderatoren.

Welche Rolle spielen KI, Deepfakes und soziale Medien beim Anlagebetrug?

Pöheim: Finanzbetrug ist für Kriminelle äußerst lukrativ. Deshalb investieren sie viel in Deepfake-Videos, gefälschte Medienberichte und bezahlte Werbung in sozialen Netzwerken. Missbraucht werden bekannte Persönlichkeiten ebenso wie das Erscheinungsbild etablierter Medien. Die Opfer werden häufig mit kleinen Einstiegsbeträgen von 150 oder 250 Euro gelockt. Anfangs kann sogar eine Auszahlung funktionieren, um Vertrauen aufzubauen. Danach sollen immer höhere Beträge investiert werden. Solche Betrugsfälle ziehen sich über Monate; die Verluste können 100.000 Euro oder mehr erreichen und das gesamte Ersparte betreffen. Wenn sich Betroffene den Gewinn auszahlen lassen wollen, werden oft angebliche Steuern, Servicegebühren oder weitere Zahlungen verlangt. Am Ende bricht der Kontakt ab oder die Plattform ist nicht mehr erreichbar. Viele Deepfake-Videos lassen sich derzeit noch erkennen, insbesondere bei gesprochenen Inhalten. Trotzdem funktionieren sie, weil sie einen starken Wunsch ansprechen: die Hoffnung, auf einfache Weise viel Geld zu verdienen.

Was hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren am stärksten verändert?

Pöheim: Betrugsmaschen entwickeln sich laufend weiter. Kriminelle lernen, was funktioniert, und kennen ihre Zielmärkte inzwischen sehr genau. Sie wissen etwa, welche Themen in Österreich oder Deutschland gefragt sind. Es existiert etwa gezielter Missbrauch real existierender Unternehmen. Kriminelle durchsuchen Firmen- oder Insolvenzregister nach Kanzleien und Unternehmen ohne eigenen Webauftritt. Dann erstellen sie täuschend echte Websites, übernehmen Adressen und Impressumsdaten. Oder Kriminelle sammeln zunächst Daten, etwa über klassische Phishing-Fallen. Danach passiert oft längere Zeit nichts. Wochen oder Monate später beginnt erst der eigentliche Betrug: Die Täter rufen an, geben sich als Bankmitarbeiter oder Support aus und kennen bereits Name, Telefonnummer, Bankverbindung oder Wohnort. Dieses Vorwissen schafft Vertrauen.

Arbeiten Betrüger heute organisierter als früher?

Pöheim: Ja. Wir sprechen von "Crime as a Service". Die Strukturen sind hoch spezialisiert und arbeitsteilig. Es gibt fertige Websites und Domains, die wie Baukastensysteme für Fake Shops funktionieren. Andere Gruppen kümmern sich um Zahlungswege, Telefonanrufe oder Geldwäsche. Auch sogenannte Money Mules spielen eine Rolle: Dabei werden Personen angeworben, über deren Konten betrügerisch erlangtes Geld weitergeleitet wird. Die verwendeten Konten befinden sich durchaus auch in Österreich oder Deutschland. Insgesamt ist das ein sehr gut vernetztes Geschäft.

Wie können sich Verbraucher angesichts dieser professionellen Maschen schützen?

Pöheim: Wissen schützt. Entscheidend ist, über aktuelle Betrugsmaschen informiert zu bleiben und im Familien- oder Freundeskreis darüber zu sprechen. Gefährlich ist der Gedanke: "Mir kann das nicht passieren." Internetbetrug kann jeden treffen, weil die Maschen gezielt an Bedürfnisse und Situationen angepasst werden. Trotz aller technischen Entwicklungen gilt: Der Mensch bleibt das Einfallstor. Wer sich nicht unter Druck setzen lässt und ungewöhnliche Situationen hinterfragt, kann viele Betrugsversuche bereits im Ansatz erkennen.

Vielen Dank für das Gespräch! (cf)


Leserservice: Was tun, wenn man betroffen ist?

  • Bank oder Zahlungsdienstleister sofort kontaktieren und Überweisungen nach Möglichkeit stoppen lassen.
  • Karten und betroffene Zugänge sperren; Passwörter ändern und wo verfügbar Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren.
  • Beweise sichern: Screenshots, E-Mails, Chatverläufe, Rufnummern, Transaktionsdaten und Internetadressen dokumentieren.
  • Anzeige bei der Polizei erstatten und den Vorfall bei einer geeigneten Beratungs- oder Meldestelle melden.
  • Bei Fernzugriffssoftware oder kompromittierten Geräten fachliche Hilfe in Anspruch nehmen und Geräte überprüfen lassen.

Über die Watchlist Internet
Die Watchlist Internet (externer Link) ist eine unabhängige Informationsplattform zum Thema Internetbetrug. Sie informiert Privatpersonen und Unternehmen zu aktuellen Betrugsfällen im Internet und gibt Tipps, um sich vor Internetbetrug zu schützen. Die Watchlist Internet wird vom Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) umgesetzt.