Branchenvertreter trafen sich wieder im prächtigen Festsaal der Schelhammer Capitalbank im Palais Esterhazy um sich über die brandneuen Regulierungen zur Nachhaltigkeitsberatung zu informieren. Seit 2. August 2022 müssen bekanntlich Berater die Nachhaltigkeitspräferenzen von Anlegern abfragen und berücksichtigen. Technische Standards gelten aber erst ab 1. Jänner 2023. Daher fragen sich viele Marktteilnehmer: Wonach werden die beaufsichtigten Unternehmen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit geprüft und überwacht? Worauf hat man sich als Marktteilnehmer konkret einzustellen? Wie soll Nachhaltigkeit in der Finanzdienstleistungs- und Versicherungsbranche praktisch gelebt werden? Aber auch: Wonach wird konkret beurteilt werden, was "nachhaltig" ist? Wie will man das "grün anstreichen" von Finanzprodukten verhindern? Ist "Nachhaltigkeit" eine echte Geschäftschance? Oder nur eine weitere bürokratische Bürde? 

Im Rahmen von Impulsvorträgen wurde zuerst das unübersichtliche Thema aus dem Blickwinkel der Experten beleuchtet, um dann anschließend eine spannende Diskussion mit dem interessierten Fachpublikum zu führen.

"Riesige Zukunftschance"
Anton Bonnländer, Partner von RE-Public Sustainable Finance aus Deutschland, führte aus, dass Nachhaltigkeit auch eine riesige Zukunftschance auf einem gigantischen Markt bedeutet. Etwa aufgrund der massiven Investitionsnotwendigkeiten, zum Beispiel Änderungen in der Mobilitätsinfrastruktur, der Städtearchitektur, et cetera. Details, was alles eine nachhaltige Investition sei, sind noch nicht im Detail ausdiskutiert, es handle sich um ein vielschichtiges Thema, von technologischem Wandel über Umbruch des Energiesektors bis zur rasant fortschreitenden Urbanisierung. Ziel der EU-Regulatorik sei es jedenfalls, den Umbau der Wirtschaft zu Nachhaltigkeit und damit verbunden das Umlenken der Finanzströme sicherzustellen. Indikatoren für die Bemessung von Nachhaltigkeit seien in Entwicklung und werden in Zukunft auf zahlreichen Ebenen der Produktionsprozesse und bei den Kapitalströmen überprüft werden. Das Produktangebot im Fondsbereich, welches den Nachhaltigkeitsvorstellungen der EU entsprechen würde, sei noch überschaubar. Ein Ausschlusskriterien-Katalog existiert jedoch bereits in der Taxonomie-Verordnung. Diese legt fest, dass nur jene Wirtschaftstätigkeiten grün sind, die einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Umweltziele leisten. Gleichzeitig dürfen sie andere Umweltziele nicht erheblich beeinträchtigen. 

"Weitere Rundschreiben werden folgen"
Von Georg Lehecka, Finanzmarktaufsicht FMA, Asset Management – On- und Off-Site Analyse, war zu vernehmen, dass Level-1- und Level-2-Regulatorien bereits großteils in Kraft sind, die FMA betreffend Umsetzung bereits einen Leitfaden erstellt sowie veröffentlicht hat und weitere Rundschreiben in den nächsten Monaten folgen werden. Erwartungshaltungen der FMA an die Marktteilnehmer seien, dass sich jeder bemühen solle, bestmöglich den neuen Regulierungen zu entsprechen. Aufgrund der bereits hohen Nachfrage nach Produkten und stark wachsenden Nettomittelzuflüssen, sieht die FMA null Toleranz bei Greenwashing, weswegen eine verstärkte Überprüfung der Offenlegung der Entscheidungsfindung und Geschäftspolitik der involvierten Marktteilnehmer von der FMA durchgeführt wird. Die drei Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden sind abzufragen. Nachhaltigkeitsprüfung ist seit 2021 eine der sechs strategischen Prüfungssäulen. 

Das FMA-Ziel: Unterstützung beim Wandel, um den Anstieg der Klimarisiken für Österreich zu minimieren, somit bestehe die Relevanz der Umsetzung der Nachhaltigkeitspolitik. Auch wenn noch Fragen offen sind, muss jetzt schon von den Marktteilnehmern gehandelt werden. Der neuen Entwicklung könne sich laut Lehecka niemand am Markt entziehen. 

"Beratungszeit hat sich verdoppelt"
Constantin Veyder-Malberg, Mitglied des Vorstandes der Schelhammer Capitalbank, führte aus, dass aus Freiwilligkeit zum nachhaltigen Investieren nun eine Pflicht geworden ist. Die Berater sind an der Schnittstelle, in einem Spannungsfeld tätig: Die Herausforderung bestehe darin, die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Kunden zu "übersetzen" und die Vorgaben mit den Wünschen der Kunden in Einklang zu bringen.

Die Verlockung im Zuge der Beratung bei Nachhaltigkeit "Nein" anzukreuzen, sei aufgrund der Herausforderungen und Unklarheiten groß. Die Beratungszeit habe sich verdoppelt, denn die Komplexität verzögere die Entscheidungsfindung. Nachhaltigkeitsberatung sei Werteberatung. Die Taxonomie, welche die Zielrichtung der politischen Vorstellungen einfasst, ist im Fluss und verändert sich ständig, Stichwort Atompolitik – diese ist jetzt "grün".

Fehlende Definition von Nachhaltigkeit
Im Frageteil wurde insbesondere die Vorgangsweise der FMA bei Vorort-Prüfungen in den nächsten Monaten intensiv diskutiert, da über die Auslegung der Erfüllung der Nachhaltigkeitskriterien große Verunsicherung bei den Marktteilnehmern spürbar war. Zentrales Thema war dabei insbesondere auch die fehlende allgemein akzeptierte Definition von Nachhaltigkeit, die noch ausständig ist.

Zur Frage, wer Nachhaltigkeit definiere, meinte Lehecka, dass quantitative Schwellenwerte bisher nicht festgelegt seien, Standards aber notwendig sind, beziehungsweise ein Rahmen. Eine enge Definition auf europäischer Ebene ist aufgrund der doch deutlichen regionalen Unterschiede in den EU-Mitgliedsländern nicht abzusehen, eine Rahmendefinition ist erst mittelfristig erwartbar.

Die FMA würde bei der Überprüfung der Kundenneigung zur Investition gemäß Nachhaltigkeitskriterien bei vielen "Neins" hellhörig werden, jedenfalls aber bei der Behandlung des Themas nach Verhältnismäßigkeit, Augenmaß und Plausibilität entscheiden. Der FMA sei klar, dass es sich um eine Transformationsphase handelt, aber die FMA muss als verantwortliche Behörde auch zwingend umsetzen. 

In der Schlussrunde meinte Veyder-Malberg sinngemäß, es sei nie zu spät, das Richtige zu tun. Nicht die Frage des "ob" ist offen, sondern nur die Frage des "wie", um die Geldströme so zu lenken, dass die Welt "enkeltauglich" bleibe. (gp)