Zertifikate können eine sinnvolle Ergänzung für das Depot sein – insbesondere, wenn es um die Verlustabsicherung der Wertanlagen geht. Mit sogenannten Short-Zertifikaten ist es beispielsweise möglich, von fallenden Kursen des Basiswertes zu profitieren, auf das sich das Papier bezieht. Es eignet sich also als Schutz oder "Hedgestrategie für Jedermann". Anleger müssen aber bei massiven Kursstürzen einer zugrundeliegenden Aktie oder eines Index fürchten, dass die Emittenten ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Genau das ist einem Privatanleger mit einem Zertifikat auf die Wirecad-Aktie passiert, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtet.

Der Anleger wollte der FAZ zufolge Verluste aus einem nicht näher bezeichneten Investment in den kriselnden Zahlungsdienstleister Wirecard in Höhe von 2.000 Euro eingrenzen. Er kaufte also am 18. und 19. Juni zwei von der Société Générale emittierte Short-Zertifikate auf die Wirecard-Aktie. Schon wenige Tage später kündigte die französische Investmentbank zu seiner Verblüffung die beiden Papiere. Dem Mann entging nach eigener Rechnung ein möglicher Gewinn in Höhe eines mehrstelligen Eurobetrages.

Das Kleingedruckte im Prospekt
Die Kündigung der Wertpapiere war laut dem Kleingedruckten des Anlageprospekts tatsächlich innerhalb eines Tages durchaus möglich, so die FAZ. Ein weiteres Problem sei allerdings gewesen, dass die Société Générale die Kursberechnung für die Zertifikate an den Tagen nach dem ersten Einbruch der Wirecard-Aktie ausgesetzt hatte, sodass sich deren Preise nicht änderten. Die von dem Anleger erwartete Gegenbewegung zum Kurssturz der Aktie auf seinem Depotsaldo blieb daher aus. 

Die Investmentbank begründet die Aussetzung der Preisberechnung gegenüber dem Anleger nach dem Bericht der Zeitung so: Die in den Anlagekonditionen festgelegte untere Kursschwelle von 15 Prozent sei an gleich mehreren Tagen überschritten worden. Somit seien am 18., 19. und 22. Juni keine aktualisierten Kurse für die beiden Zertifikate berechnet worden. Die Kursschwelle bedeutete in diesem Fall laut der FAZ einen Verlust der Wirecard-Aktie von mehr als 15 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Handelstags-Schlusskurs. Die Kursschwelle sowie das Kündigungsrecht seitens der Bank seien jeweils in den Anlagekonditionen festgelegt. Laut einer Bekanntmachung der Société Générale vom 19. Juni wurden aber nicht nur die beiden Wirecard-Zertifikate des Anlegers gekündigt, sondern mehr als 30 weitere Papiere. Es sei also gut denkbar, dass weitere Renditesucher in die Röhre gucken.
 
"Außergewöhnliche Situation" bei Wirecard
Société Générale erklärte ferner die Kündigung unter anderem mit der außergewöhnlichen Situation bei dem insolventen Zahlungsdienstleister. Bei dem Basiswert seien die Kriterien nicht mehr erfüllt gewesen, die dafür notwendig gewesen seien, überhaupt Zertifikate zu begeben, schreibt die FAZ. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass der Markt für die Wertpapierleihe von Wirecard-Aktien eingebrochen war, auf den Zertifikate-Emittenten zur Absicherung ihrer Positionen angewiesen sind. Diese sichern die begebenen strukturierten Papiere stets eins zu eins durch eine entsprechende Gegenposition ab. So schützen sie sich selbst vor unkalkulierbaren Risiken. 

Die von dem Anleger um Hilfe gebetene Finanzaufsicht Bafin hat laut der Zeitung bislang keine Verstöße der Bank feststellen können. Eine von dem Anleger engagierte Anwältin sehe das anders, die Anleihebedingungen hätten ihrer Beurteilung nach rechtlich keinen Bestand. Daher gehe sie für ihren Mandaten nun juristisch vor. (jb)