Bisher war die Versicherungsbranche zurückhaltend, wenn es um das neue Regierungsprogramm geht. Nun hat Ralph Müller, Vorstandsdirektor der Donau Versicherung und ab 2021 Chef der VIG-Tochter Wiener Städtische, Stellung bezogen. Den im Arbeitsübereinkommen der türkis-grünen Koalition vorgesehenen Befreiungen von der Kapitalertragssteuer (KESt) für ökologische oder ethische Investitionen sollen analog auch Steuererleichterungen in der Versicherungsbranche gegenüberstehen, forderte Müller am Freitag vor Journalisten in Wien.

Konkret wünscht er sich, dass bei nachhaltig veranlagten fondsgebundenen Lebensversicherungen die Versicherungssteuer bei laufender Zahlung entfällt. Derzeit ist es so, dass der Finanzminister bei Versicherungen einmalig vier Prozent auf die Prämie bekommt, während er von Fondsanlegern 27,5 Prozent auf Kapitalzuwächse sehen will. Die neue Regierung plant nun einerseits, die KESt für Fonds und Wertpapiere bei einer gewissen Behaltefrist abzuschaffen und andererseits nachhaltige Produkte komplett zu befreien. "Wir wollen ein Level Playing Field", pocht Müller auf Berücksichtigung seiner Branche.

"Pflege berücksichtigen"
Er bekräftigt auch zwei alte Forderungen der Versicherer: Zum einen, dass in der Prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge (PZV) die Veranlagungsmöglichkeiten um Infrastruktur und Leistbares Wohnen erweitert werden. Zum anderen, dass die Pflegeversicherung im Rahmen der PZV staatlich gefördert wird.

"Wir werden bis 2050 rund 750.000 Pflegebedürftige haben, während es heute 450.000 sind. Die Politik muss sich überlegen, wie sie das Thema Pflege handhaben will", so Müller. Eine private Pflegevorsorge lasse sich sehr gut in die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge einschließen. Der Staat würde damit Leute belohnen, die sich privat um ihre Pflege kümmern.
Panikmache sei allerdings in diesem Thema nicht angebracht. "Mir ist Sachlichkeit wichtig, wenn wir über Vorsorge diskutieren. Die, die einen Kollaps des Systems sehen, liegen nicht richtig", so Müller.

Neue Frau an der Spitze
Müller war bis zum Jahresende Generaldirektor der Donau Versicherung, einer Tochter der Vienna Insurance Group (VIG) und übergab den Stab heuer an Judit Havasi. Die neue Generaldirektorin hob bei ihrer Vorstellung vor Journalisten unter anderem hervor, dass sie einen Fokus auf die Herausforderungen der Digitalisierung legen werde.

Im Produktbereich betrifft das Cyberversicherungen, wo die Donau insbesondere auch auf den persönlichen Notfall-Support im Schadensfall abzielt. In der Beratung fordere die Versicherungsvertriebsrichtlinie (IDD) immer mehr digitale Begleitung und im Backoffice setze die Donau zunehmend auch Künstliche Intelligenz (KI) ein, um Prozesse wie die Auszahlungen an Versicherte, zu beschleunigen. Zum Beispiel können die Systeme im Hintergrund im Fall einer Hagelschadenmeldung selbsttätig überprüfen, ob zum gemeldeten Zeitpunkt in der Region tatsächlich Hagel niedergegangen ist, erklärt Havasi.

"Familie oder Karriere war hier nie die Frage"
Sie ist mit 44 Jahren eine der jüngsten Versicherungsführungskräfte im Land und bezog in dieser Hinsicht auch klare Stellung zur ihrer Rolle als Frau an der Spitze eines Unternehmens. "Ich habe meine beiden Kinder jeweils bekommen, als ich eine Vorstandsposition inne hatte. Familie oder Karriere, das war im Konzern nie eine Frage. Ich möchte da auch als Vorbild dafür, was möglich ist, auftreten“, sagte Havasi. Sie ist seit rund zwei Jahrzehnten im VIG-Umfeld tätig.

Die Donau sei heuer besonders in der Lebensversicherung und in der Krankenversicherung besser als der Markt gewachsen, hieß es bei der Präsentation. Während der gesamte Lebensversicherungsmarkt das Jahr 2019 erneut mit einem deutlichen Minus von 1,5 bis zwei Prozent abgeschlossen haben dürfte, habe die Donau ihre laufenden Prämien stabil auf Vorjahresniveau halten können, heißt es. Auch in der Gewerbeversicherung gab eine "sehr gute" Entwicklung, wenngleich Zahlen nicht genannt wurden. (eml)