Der Fondsriese Vanguard hat in den vergangenen Jahren nur spärlich neue Strategien auf den Markt gebracht. Doch die Gesellschaft mit Hauptsitz in Malvern im US-Bundesstaat Pennsylvania legte die Zurückhaltung ab und startete neue Produkte – auch im stark wachsenden Feld der börsengehandelten Fonds (ETFs), die Elemente des aktiven Managements umfassen. Sebastian Külps, Leiter Geschäftsentwicklung für Deutschland und die nordischen Länder bei Vanguard, billigt dem Segment Potenzial zu. Doch er appelliert auch an die Branche, die Disziplin zu wahren. Die Tugenden der ETFs sollten nicht in Gefahr geraten.


Herr Külps, ein neuer Trend treibt die ETF-Branche um: aktive Strategien. Auch Vanguard hat einen aktiven Geldmarkt-ETF gestartet. Eigentlich setzt Ihr Haus doch eher auf günstige passive Ansätze?

Sebastian Külps: Indexstrategien haben das ETF-Format nicht für sich allein gepachtet. Aktive ETFs haben durchaus ihren Stellenwert. Ich begrüße es, wenn neben rein passiven auch aktive Produkte auf den Markt kommen. Das erweitert das Spektrum. Die ETF-Hülle birgt einige Vorteile: ETFs sind für alle Anleger zugänglich, sie weisen nur Produkt- und keine Vertriebskosten auf, abgesehen von den Ordergebühren und Spreads. Damit sind sie günstiger. Zudem sind sie sehr transparent. Vanguard führt übrigens nicht nur Indexfonds, sondern auch eine Reihe aktiver Fonds im Sortiment.

Werden aktive ETFs besser abschneiden als herkömmliche aktive Fonds?

Külps: Der Marktdurchschnitt setzt sich letztendlich aus allen Teilnehmern zusammen, also den Out- sowie den Underperformern. Diese Glockenkurve verschiebt sich durch die Kosten. Je höher die Kosten, desto geringer fällt die Zahl der Outperformer aus. Aktive ETFs zählen aber in der Regel zu den günstigeren Produkten. Ihnen fällt es damit leichter, eine Mehrrendite zu erzielen, denn sie müssen nicht so hohe Kosten wettmachen wie die meisten aktiven Fonds. Die Chancen stehen also gut.

Allerdings starten teils sehr komplexe Strategien, mitunter auf Marktsegmente, die keine große Liquidität aufweisen. Auch das Gebot der täglichen Transparenz wackelt. Untergraben solche Schritte die Kernmerkmale eines ETFs – nämlich Liquidität, Transparenz und Einfachheit?

Külps: Ich würde es begrüßen, wenn die Hülle des ETF nicht missbraucht wird. Die Fondsindustrie sollte Disziplin wahren und den Endanlegern stets klar vermitteln, was genau in den Produkten steckt. Bei Indexfonds ist das recht simpel. Im aktiven Aktienbereich erscheint das ebenfalls noch recht einfach, bei Anleihen schon etwas schwieriger. Hier sind wir in der Pflicht, die Vorteile des Vehikels aufrechtzuerhalten.

Das ist ein Appell an die ganze Branche. Aber was unternehmen Sie als einzelnes Haus?

Külps: Was wir tun können: Wir können eine Vorbildfunktion einnehmen, indem unsere Produkte die Wünsche hinsichtlich Transparenz und Liquidität erfüllen und es nicht zu Enttäuschungen kommt. Sie werden von uns auch in Zukunft – unabhängig vom Mantel – nur kostengünstige, breit gestreute Produkte für den langfristigen Vermögensaufbau sehen.

Wird Vanguard weitere aktive ETFs auflegen?

Külps: Wir führen einige Strategien noch in der traditionellen Fondshülle. Aber wir schauen uns an, welche Auswirkungen es hat, diese auch in den ETF-Mantel zu packen. Für uns ist es mit geringerem Aufwand verbunden, Strategien über ETFs an die Endkunden zu transportieren und wir erleichtern für viele Anleger den Zugang. Grundsätzlich werden wir unser Angebot an Kernbausteinen weiter ausbauen. In den vergangenen Jahren haben wir nur wenige neue Fonds gestartet. Das änderte sich im vergangenen Jahr. In den nächsten Jahren könnte sich unsere Palette verdoppeln.

Ihr Haus startet also eine große Produktoffensive?

Külps: Unsere Produktpalette ist recht komprimiert – das soll auch so bleiben. Wir werden nie einen Themenfonds nach dem anderen auflegen, um Hypes oder kurzfristigen Trends zu folgen. Bei uns muss ein Fonds für die Ewigkeit halten. Wir verfolgen ein Motto: Produkte, die zu uns kommen, dürfen nicht mehr gehen. Wir liefern Kernbausteine für ein Portfolio, die Jahrzehnte überdauern müssen. Aber wir sehen noch Lücken im Sortiment, die wir füllen sollten, insbesondere bei Anleihen. Aber auch bei Aktien gibt es Bausteine, die wir ergänzen werden.

Welche Rolle spielt für Ihr Haus der Vertrieb über Direktbanken und Neobroker?

Külps: Die digitalen Kanäle sind für uns sehr wichtig geworden. ETFs erschließen uns diese Vertriebswege. Ein Element dabei stellt der ETF-Sparplan dar, der sich in Deutschland zu einem Verkaufsschlager entwickelte. Damit dient er als Blaupause für andere Länder. Wir begrüßen das, denn der ETF-Sparplan steht für langfristiges, diszipliniertes Investieren. Das ist ganz im Sinne der Privatanleger. Doch ein Aspekt wird häufig übersehen.

Welcher?

Külps: Die Finanzindustrie ist gut dabei, Sparer in der Akkumulierungsphase zu begleiten. Doch für die Entnahmephase fehlt es vielfach noch an cleveren Lösungen und guter Beratung. Mit der Alterung der Gesellschaft rückt die Frage in den Fokus, wie Menschen aus dem Angesparten ihr Leben bestreiten, ohne dabei die Vermögenssubstanz allzu sehr zu schmälern.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)