Portfoliomanager: "Unsere KI soll aus ihren eigenen Fehlern lernen"
Sebastian Wenz verantwortet bei First Private zwei Fonds, die von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE verrät er, warum er sich nicht unwohl dabei fühlt, gewissermaßen nur die Befehle einer Maschine umzusetzen.
Fonds, die auf künstliche Intelligenz (KI) als Investmentthema setzen, gibt es viele. Doch nur wenige Fonds überlassen ihre Anlageentscheidungen einer KI. Zu den wenigen Asset Managern, die damit bereits relevante Erfahrungen sammeln konnten, zählt First Private Investment Management. FONDS professionell traf Sebastian Wenz, Portfoliomanager und Partner der Frankfurter Investmentboutique, in den First-Private-Büros am Frankfurter Westhafen zum Gespräch.
Herr Wenz, Ihr Unternehmen verwaltet zwei Fonds, die von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden, den First Private Systematic Merger Opportunities und den First Private Systematic Flows. Entscheidet da tatsächlich eine KI, welche Aktien ge- oder verkauft werden?
Sebastian Wenz: Die Anlageentscheidung trifft weiterhin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen ist da die Regulatorik: Für einen vollautomatisierten Handel wird eine erweiterte Lizenz benötigt. Andererseits setzen wir KI als Tool ein, um die Arbeit des Portfoliomanagers zu vereinfachen und zu verbessern. Wir verwenden im Portfoliomanagement Prozesse, die alle Vorschläge der KI auf Sinnhaftigkeit und Datenfehler überprüft, um so notfalls eingreifen zu können, was allerdings selten vorkommt. Meist wurde die KI dann mit fehlerhaften Daten gefüttert.
Wo kommen diese Daten her?
Wenz: Lassen Sie mich das am Beispiel des First Private Systematic Merger Opportunities erläutern: Der Fonds möchte von Spezialsituationen am Aktienmarkt profitieren, die sich aus Firmenübernahmen oder Fusionen ergeben. Ein Beispiel sind Merger-Arbitrage-Geschäfte: Eine Aktie notiert bei 9,50 Dollar, das Übernahmeangebot beträgt aber zehn Dollar. Die KI ermittelt eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Deal tatsächlich zustande kommt, ich als Investor also 50 Cent je Aktie verdienen könnte. Eine wichtige Datenquelle sind die offiziellen Berichte, die ein Unternehmen der US-Börsenaufsicht vorlegen muss. Diese Dokumente verarbeitet die KI wesentlich schneller als jeder Mensch. Aber auch in diesen Berichten gibt es mitunter Fehler, etwa ein verrutschtes Komma bei einer relevanten Zahl. In solchen Fällen korrigieren wir die Angaben dann.
Den Fonds gibt es seit gut drei Jahren. Ging das Konzept denn auf?
Wenz: Ja und nein. Unser Fonds hat die ETFs dieses Anlagesegments bisher um rund fünf Prozent per annum geschlagen, was ein wirklich gutes Ergebnis ist. In der Vergleichsgruppe finden wir uns stabil im obersten Viertel wieder. Absolut gesehen ist die Performance aber leider eher ernüchternd, das Plus seit Auflage beträgt nur rund drei Prozent. Das liegt allerdings daran, dass der Markt für Übernahmen und Fusionen hart von der Corona-Pandemie und der Zinswende getroffen wurde. Dafür kann die KI nichts, das ist dem Marktumfeld geschuldet.
Hat sich die KI denn auch bei Ihrem zweiten Fonds als tauglicher Portfoliomanager erwiesen?
Wenz: Der First Private Systematic Flows ist erst seit Juli vergangenen Jahres am Markt, darum lassen sich über die Performance noch keine sinnvollen Aussagen treffen.
Worauf setzen Sie mit diesem Fonds überhaupt?
Wenz: Wir möchten von sogenannten Liquiditäts-Events profitieren, die aufgrund vorhersagbarer Kapitalflüsse in verschiedenen Marktsegmenten entstehen. Prominentestes Beispiel sind Indexänderungen: Wenn etwa eine Aktie in den Dax aufgenommen wird, wollen wir uns schon vorher positionieren und an dem erwarteten Kursanstieg teilhaben, der sich daraus ergibt, dass plötzlich sehr viele ETFs die entsprechende Aktie kaufen müssen. Unser KI-Modell zeigt uns, bei welchen Aktien eine Indexaufnahme am wahrscheinlichsten ist.
Wäre das nicht ein klassischer Fall für einen Algorithmus, also ein mathematisches Modell, das anders als eine KI nicht "lernt"? Schließlich ist doch transparent, welche Bedingungen eine Aktie erfüllen muss, um in einen Index aufgenommen zu werden, entsprechend leicht müsste ein solcher Algorithmus zu programmieren sein.
Wenz: So einfach ist es in der Regel leider nicht. Die Indexanbieter veröffentlichen zwar ihre Methodologie, daraus lässt sich aber in den seltensten Fällen schließen, welche Aktie auf jeden Fall aufgenommen oder ausgesondert wird. Mit den Indexregeln haben wir unsere KI natürlich gefüttert, sie zieht aber auch andere Quellen heran und findet mitunter Titel, auf die ein menschlicher Beobachter, der nur die Methodologie kennt, nicht so ohne Weiteres gekommen wäre.
Stutzen Sie manchmal, warum die KI Ihnen zu einer bestimmten Aktie rät? Oder anders gefragt: Können Sie nachvollziehen, was hinter der Empfehlung der KI steckt?
Wenz: Wir wollen schon verstehen, was die KI tut. Darum haben wir unsere Modelle auch selbst entwickelt und wissen, welche Variablen für die Entscheidung wichtig sind und auf welche Quellen sich die KI stützt. Wir können darum zumindest nachvollziehen, wie die KI zu ihrer Empfehlung kommt. Was genau letztlich den Ausschlag für oder gegen eine Aktie gegeben hat, wissen wir aber nicht. Wir möchten außerdem sehen, dass die KI aus ihren eigenen Fehlern lernt, dass ihre Empfehlungen mit der Zeit also besser werden. Wichtig ist auch, dass wir verschiedene KI-Ansätze nutzen und uns nicht auf ein einziges Konzept verlassen. Wenn unterschiedliche Modelle zu gleichen oder zumindest zu ähnlichen Ergebnissen führen, macht das den Prozess deutlich robuster.
Sie fühlen sich also nicht unwohl, als Portfoliomanager überspitzt formuliert nur die Empfehlungen einer Maschine umzusetzen?
Wenz: Nein, damit kann ich gut leben (lacht). Ich sehe es so: Die KI kann dem Menschen helfen, sie wird ihn aber nicht ersetzen. First Private beispielsweise ist eine kleine Investmentboutique. Ohne die Hilfe der KI könnten wir niemals einen konkurrenzfähigen Merger-Arbitrage-Fonds anbieten. Wie sollte ich es denn alleine schaffen, 250 Titel im Detail zu analysieren und die 60 vielversprechendsten auszuwählen? Dann säße ich von morgens bis abends da und käme zu nichts anderem mehr.
Wo in Ihrem Unternehmen könnten Sie eine KI noch einsetzen?
Wenz: Sie wird dabei helfen, viele Prozesse deutlich effizienter zu machen. Nur ein Beispiel: Bei First Private programmieren auch wir Portfoliomanager relativ viel. Ich finde es toll, nicht mehr jedes kleine Skript selbst tippen zu müssen. Solche Routine-Aufgaben kann gerne die KI übernehmen, dann bleibt mir mehr Zeit für anderes. Auch wenn es darum geht, schnell einen Analystenreport auszuwerten, ist die KI eine großartige Hilfe.
Für Sie persönlich ist KI nichts Neues. Den meisten Menschen wurde aber wahrscheinlich erst mit ChatGPT bewusst, was entsprechende Tools schon zu leisten vermögen. Können Sie nachvollziehen, dass manche geradezu Angst davor haben, was da auf sie zukommt?
Wenz: Eine gewisse Skepsis ist ja durchaus gerechtfertigt. Für mich steht außer Frage, dass der Einsatz von KI reguliert werden sollte – besser heute als morgen. ChatGPT bietet meiner Meinung nach aber auch eine große Chance, was die Wahrnehmung der künstlichen Intelligenz in der Öffentlichkeit anbelangt. Wir erleben gerade den iPhone-Moment der KI: ChatGPT ist nichts grundlegend Neues, aber mit diesem Programm wird die KI gewissermaßen auf die Allgemeinheit losgelassen. Wer damit positive Erfahrungen sammelt, bringt dieser Technologie wahrscheinlich auch in anderen Bereichen mehr Vertrauen entgegen. Ich selbst möchte beispielsweise nicht mit einem Auto fahren, das komplett von einer KI gesteuert wird. Aber ich weiß, dass KI-Assistenzsysteme dabei helfen können, viele Unfälle zu vermeiden, deshalb bin ich absolut für die Kombination von Mensch und Maschine. KI-Tools können beispielsweise auch den Arzt dabei unterstützen, bessere Diagnosen zu stellen. Wie gesagt: Die KI wird uns Menschen helfen, besser und effizienter zu werden, sie wird uns nicht ersetzen.
Vielen Dank für das Gespräch. (bm)















