Lyxor war lange Zeit Europas zweitgrößter ETF-Anbieter – mit einigem Abstand zum Marktführer iShares. Jüngst wurde die Asset-Management-Tochter der französischen Großbank Société Générale allerdings von der DWS-Sparte Xtrackers von dieser Position verdrängt. Nun macht Lyxor wieder einen Schritt nach vorne. Die Société Générale kaufte der Commerzbank den Geschäftsbereich Equity Markets & Commodities (EMC) ab, zu der auch die Comstage-ETFs gehören (FONDS professionell ONLINE berichtete). Das Team, das früher im großen Handelssaal der Commerzbank saß, arbeitet mittlerweile von den Frankfurter Büros der Société Générale im "Garden Tower" aus. Dort traf FONDS professionell ONLINE Arnaud Llinas, der seit 2013 den Geschäftsbereich Lyxor ETFs & Indexing leitet, zum exklusiven Interview.

Herr Llinas, wie weit ist die Integration des Comstage-Teams mittlerweile vorangeschritten?

Arnaud Llinas: Ich bin hier in Frankfurt, weil wir den erfolgreichen Zusammenschluss feiern! Am Wochenende haben wir die Portfoliomanager, die von der Commerzbank zu uns gestoßen sind, an unsere Systeme angeschlossen. Am Montag konnten sie erstmals auf der neuen Plattform arbeiten – und es hat alles funktioniert. Hinzu kommt, dass wir nun von Frankfurt aus mit einer eigenen Asset-Management-Niederlassung tätig sind: Lyxor Deutschland. Das ist ein sehr wichtiger Schritt für uns und gewissermaßen das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit, seitdem unser Mutterhaus Société Générale bekanntgegeben hatte, den Geschäftsbereich EMC der Commerzbank zu übernehmen.

Früher war Lyxor hier nur mit Kollegen für den ETF-Vertrieb vertreten, richtig?

Llinas: Hinzu kam ein Vertriebsteam für alternative Investmentstrategien. Nun sind wir ein voll regulierter Vermögensverwalter, mit deutschsprachigem Portfoliomanagement, Vertrieb, Marketing und weiteren unterstützenden Funktionen vor Ort. Mittlerweile können wir vom "Sales Pitch" bis zur Implementierung der Investmentstrategie alles von hier aus anbieten. Deutschland ist der größte ETF-Markt Europas, sowohl mit Blick auf das Volumen als auch auf die Verbreitung unter Privatanlegern. Der Retailmarkt ist meiner Meinung nach die nächste große Wachstumsstory für ETFs. Comstage ist in diesem Segment sehr gut verankert, beispielsweise im Geschäft mit Direktbanken. Darum ist die Übernahme von Comstage auch so attraktiv für uns, nicht nur mit Blick auf das verwaltete Vermögen. Unser Plan ist es, die Erfahrung von Comstage zu nutzen, um in Frankreich, Großbritannien oder Italien ähnliche Erfolgsgeschichten auf dem Retailmarkt zu schreiben.

Ganz vollendet ist die Integration noch nicht. Derzeit gibt es Lyxor- und Comstage-ETFs parallel zueinander. Wann werden die Produktpaletten zusammengelegt?

Llinas: Das ist in der Tat der letzte Schritt des Projektes. Wo es Dopplungen gibt, beispielsweise zwei ETFs auf den Nasdaq, werden wir Fonds zusammenlegen. Unter dem Strich erhalten die Kunden so größere und liquidere Produkte. Der Grundsatz lautet, dass wir den kleineren auf den größeren ETF verschmelzen, egal ob dieser nun ursprünglich von Lyxor oder von der Commerzbank kam. So wollen wir eine höchstmögliche Kontinuität für unsere Kunden gewährleisten. Aktuell bietet Comstage 110 ETFs an. Rund 50 davon werden mit Lyxor-Produkten zusammengelegt, alle anderen bleiben unverändert am Markt. Auch die Luxemburger Sicav, die die Comstage-Fonds verwaltet, bleibt bestehen. Im Januar werden wir für jeden einzelnen ETF bekanntgeben, wie es konkret weitergeht. Im zweiten Quartal 2020 wird der Prozess abgeschlossen sein.

Die Marke Comstage wird früher oder später aber verschwinden, oder?

Llinas: Ja. Das wird Ende des kommenden Jahres der Fall sein. Wir werden die Produktpalette sukzessive restrukturieren, und im Zuge dessen wird sich dieses Thema von selbst erledigen. Wichtig ist aber, dass die Menschen dahinter an Bord bleiben – und wir haben das gesamte Comstage-Team übernommen. Das gab uns die Chance, sehr erfahrene Talente für uns zu gewinnen. Nur ein Beispiel: Thomas Meyer zu Drewer leitet nun unseren Retailvertrieb hier in Frankfurt. Er kennt den Markt seit seinen Anfängen, er ist quasi das Gesicht von ETFs in Deutschland.

Wie groß ist das ETF-Team hier in Frankfurt jetzt?

Llinas: Die Commerzbank hatte ja nicht nur ein ETF-Geschäft, sondern auch ein quantitatives aktives Asset Management. Das Team betreut 16 Milliarden Euro, etwa die Hälfte davon entfällt auf ETFs. Wir haben jetzt ein Team aus rund 40 Mitarbeitern, für die wir hier im "Garden Tower" den 22. Stock angemietet haben. Vorher hatten wir bei Lyxor in Frankfurt nur rund ein Dutzend Kollegen. Auch das zeigt, dass wir in eine neue Dimension vorgestoßen sind. Wir werden das Team im Laufe der Jahre weiter ausbauen, denn Deutschland wird auf absehbare Zeit der bedeutendste ETF-Wachstumsmarkt bleiben.

Sie hatten den ETF-Boom bei Direktbanken schon erwähnt. Werden Indexfonds auch in der klassischen Anlageberatung durchstarten?

Llinas: Die nächste Wachstumswelle wird vom Drittvertrieb ausgehen – beispielsweise in Kooperation mit Privatbanken, Onlinebanken und klassischen Banken. Durch Mifid II liegt der Fokus verstärkt auf Transparenz und Gebühren, was das ETF-Geschäft ankurbeln wird. Darum kommt die Akquisition von Comstage genau zu rechten Zeit. Sie wird unser Geschäft befeuern.

Welche Länder außer Deutschland betreuen Sie von Frankfurt aus?

Llinas: Im Wesentlichen Österreich und die deutschsprachige Schweiz, außerdem Osteuropa. Von Paris aus decken wir Frankreich und Südeuropa ab. Außerdem unterhalten wir ein großes Büro in London. Diese Aufstellung bietet sich an, weil es eine effiziente Betreuung unserer Kunden ermöglicht. Es gibt nicht den einen europäischen Markt, sondern in jeder Region gibt es unterschiedliche Treiber. Darum müssen wir müssen lokal verwurzelt sein, wenn wir deutlich wachsen wollen – und das wollen wir.

In diesem Jahr hat das allerdings nicht funktioniert. Während der ETF-Markt insgesamt kräftig wächst, musste Lyxor hohe Abflüsse hinnehmen. Warum?

Llinas: Wenn Sie nur die Zeit bis Ende August betrachten, haben Sie Recht. Bis dahin waren vor allem ETFs auf Unternehmensanleihen, High-Yield-Papiere und Schwellenländeranleihen gefragt. In diesem Bereich müssen wir unser Angebot verstärken – auch dabei hilft uns übrigens die Comstage-Übernahme. Lyxor ist historisch gewachsen vor allem bei europäischen Aktien stark, und da gab es marktbreit hohe Abflüsse, die unter anderem uns getroffen haben. Seit September hat sich das radikal geändert: Europäische Aktien sind wieder sehr gefragt, seither sind uns netto rund zwei Milliarden Euro zugeflossen. Wir konnten den Trend also umdrehen. Ich nenne Ihnen eine weitere Zahl: Vor einem Jahr lag unser verwaltetes ETF-Vermögen bei 61 Milliarden Euro, mittlerweile sind 75 Milliarden Euro. Die Integration von Comstage hat ohne Frage viel Arbeit bedeutet und große Teile unserer Aufmerksamkeit beansprucht. Dafür können wir jetzt von einem deutlich höheren Niveau aus starten.

Vor zwei Jahren war Lyxor noch Europas zweitgrößter ETF-Anbieter, wurde dann aber von der DWS überholt. Ist es Ihr Ziel, wieder die Nummer zwei hinter dem unangefochtenen Marktführer iShares zu werden?

Llinas: Die Steigerung des Marktanteils ist sicherlich kein Ziel an sich. Unser Ziel ist es, deutlich zu wachsen – und zwar profitabel. Von ETFs zu Nullgebühren halte ich wenig, auch wenn sich damit das verwaltete Volumen schnell steigern ließe. Unser Fokus liegt nicht darauf, die Gebühren um einen oder zwei Basispunkte weiter zu senken. Wichtig ist es, Anlegern Mehrwert zu bieten – neue Zugänge zu Märkten und neue Werkzeuge zum Investieren. Dazu gehören auch kontinuierliche Innovationen, weil Investoren so die Möglichkeit bekommen, neue Chancen zu ergreifen. Wir haben kürzlich etwa einen ETF lanciert, der Schwellenländer ohne China abbildet. Ein weiteres Beispiel ist der Comstage Vermögensstrategie – hierbei handelt es sich um einen Dach-ETF, ein Format, das von Lyxor als erstem Anbieter auf den Markt gebracht wurde. Interessant sind auch thematische ETFs. Unser Wasser-ETF, der auch Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt, kommt bei Kunden aus Deutschland beispielsweise sehr gut an. Wir arbeiten an weiteren Themen, sei es die neue Mobilität oder die Millennials als Investmentchance. Unser Ziel ist es, die Trends aufzuspüren, die die Investmentwelt in Zukunft antreiben werden. Diese wollen wir investierbar machen.

Dass der europäische ETF-Markt weiter wächst, ist unbestritten. Aber lässt sich das aktuelle Tempo aufrechterhalten?

Llinas: Ich denke schon. In den vergangenen fünf Jahren ist der Markt im Schnitt um 15 Prozent im Jahr gewachsen. Das sollte auch 2019 gelingen – und in den kommenden Jahren auch. Dafür gibt es zwei wesentliche Treiber: Zum einen das schon erwähnte Retailgeschäft, zum anderen das Niedrigzinsumfeld, das insbesondere institutionelle Kunden dazu zwingt, die Kosten ihrer Investments zu senken.

Werden wir weitere Übernahmen am ETF-Markt sehen?

Llinas: Der Markt ist bereits einigermaßen konzentriert, die Marktanteile der wesentlichen Anbieter sind recht stabil. Die Übernahme von Comstage durch Lyxor dürfte einer der wichtigsten M&A-Deals sein, den wir in den vergangenen Jahren gesehen haben. Die beiden Unternehmen passen perfekt zueinander, weil sie so komplementär sind: Lyxor ist in Frankreich und Südeuropa stark, Comstage hat ein großes Deutschland-Geschäft. Diese Kombination ist sehr sinnvoll in Hinblick auf Ertragssynergien.

Sie sagten, der Markt sei konzentriert. Auf der anderen Seite kommen immer neue Spieler aufs Feld.

Llinas: Klar, jedes Jahr versuchen neue Anbieter ihr Glück, was angesichts der Wachstumsraten auch nicht verwunderlich ist. Mittlerweile gibt es etwa 50 ETF-Anbieter in Europa. Diese würden sich allerdings schwer tun, mit ETFs auf die großen, bekannten Indizes Fuß zu fassen. Darum versuchen die neuen Anbieter, mit Innovationen zu punkten, sei es in Nischen, mit Smart-Beta-Ansätzen oder im ESG-Bereich. Der ETF diente schon immer als Verpackung für neue Investmentideen. Wer weiß, vielleicht werden die alten Benchmarks eines Tages abgelöst? Dann ist in Deutschland nicht mehr der Dax das Maß der Dinge, sondern eine ESG-Variante davon. Darum ist unser Anspruch, bei solchen Innovationen vorne dabei zu sein!

Vielen Dank für das Gespräch. (bm)