Typisch nordisch und – wo nötig – doch wieder nicht: Mit einer sehr wendigen Strategie fuhren Øivind Thorstensen und Simen Aarsland Øgreid in den vergangenen Jahren in zwei Anleihenportfolios Erträge ein, die eher an den Aktienmarkt erinnern. Und das bei vergleichsweise geringer Volatilität. Ihren Erfolg erklären die beiden im Gespräch mit einer strikten Kreditanalyse und einem Fokus auf Liquidität. "Regionalfolklore" spielt hingegen eine sehr untergeordnete Rolle.

Im Unterschied zu vielen Nordics-Fonds setzt das Team von Kraft Finans zum Beispiel ausschließlich auf größere Anleihen, die ein Rating besitzen, was die Handelbarkeit erhöht. Traditionell ist in Skandinavien ein großer Teil der Anleihen nicht offiziell geratet. Genau das schätzen zwar viele Anleger, weil weniger beachtete Titel oft höhere Kupons zahlen. Es geht aber zulasten der Liquidität. Für Thorstensen ein entscheidender Nachteil.

Flexibilität als entscheidender Hebel
"Liquidität ist die Voraussetzung für gute Renditen im Laufe der Zeit. Eine Buy-and-Hold-Strategie ist in einem sich ständig verändernden Markt nicht die beste Lösung. Wir wollen aussteigen, sobald wir den richtigen Zeitpunkt dafür sehen, und nicht, wenn der Markt das zulässt", so der Anleihenexperte.

Diese Flexibilität zahlte sich besonders 2022 aus. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wälzte das Team im 2019 aufgelegten Kraft High Yield das Portfolio massiv um und fuhr die damals hohe Gewichtung in Energie-, Rohstoff- und Schifffahrtstitel herunter. Anleihen in diesen Sektoren boomten und hatten nach einem Zusammenschrumpfen der Spreads kaum mehr Potenzial. Stattdessen griff man am panikartig abgestraften Immobilienmarkt kräftig zu. "Der starke Inflationsanstieg führte in Verbindung mit dem steilen Zinserhöhungszyklus zu Marktverwerfungen und einer Finanzierungsstörung", erklärt Thorstensen.

Abschläge von 50 Prozent – Immobilien-Comeback genutzt
Zwischen 2022 und 2023 erwarb Kraft Investment-Grade-Titel erstklassiger europäischer und nordischer Immobilienkonzerne teils zu 50 Prozent vom Nominalwert. Mit dem Rückgang der Inflation und den sinkenden Zinsen Ende 2023 setzte dann eine kräftige Erholung ein. "Das hat maßgeblich zu unserer Performance beigetragen", so der Portfoliomanager.  Aus seiner Sicht ist diese Erholung noch nicht zu Ende: "Wir gehen davon aus, dass Immobilien auch 2026 und 2027 einen enormen Beitrag zur Performance leisten werden".

Immobilien heben sich weiter deutlich von anderen Branchen ab: Während Industrie- oder Schifffahrtsunternehmen bei Beleihungsquoten (LTV) von rund 75 Prozent oft nur sechs bis sieben Prozent Rendite bieten würden, hätten viele Immobiliengesellschaften deutlich günstigere LTVs von nur etwa 45 Prozent, so Thorstensen. Dazu kommen solide Ratings und deutlich höhere Kupons.

Keine Anomalie
"Ich würde nicht sagen, dass wir eine Anomalie haben. Aber der Markt ist sicher noch nicht voll neubewertet. Wir sehen hier sehr gering verschuldete Wertpapiere mit relativ hohem Kupon", sagt Thorstensen. Bei den Hochzinsanleihen im Immobiliensektor seien die Spreads höher, als es das erkennbare Risiko nahelege. "Es besteht eine sehr große Lücke zwischen Investment-Grade- und High-Yield-Emittenten. Wir werden mit ziemlicher Sicherheit eine weitere Kompression der Spreads im High-Yield-Bereich des Immobiliensektors erleben", so Thorstensen.

Dementsprechend hoch ist das Commitment für diesen Bereich: Aktuell machen Immobilien im Kraft High Yield Fonds 36 Prozent aus, im Kraft Corporate Bonds Fund rund 48 Prozent.

Verzicht auf Branchenwetten
Trotz dieser hohen Gewichtung lehnt Kraft grundsätzlich Branchenwetten ab. "Für uns zählt nur die individuelle Kreditperspektive. Wir sehen uns die Kreditkennzahlen und die liquiden Mittel in der Bilanz an", so Aarsland Øgreid. Die momentan hohe Immobilien-Konzentration sei Ergebnis des strikten relativen Bewertungs-Ansatzes: Ins Portfolio kommt, was für das Risiko die höchsten Renditen bietet.

Zusätzliche Spielräume verschafft sich das Portfoliomanagement von Zeit zu Zeit durch den Einsatz variabel verzinster Anleihen (Floating Rate Notes, FRN) – ein Spezifikum in Skandinavien, wo 40 Prozent des Bondmarktes flexibel verzinst sind, in Norwegen sogar 70 Prozent. Kraft nutzt diese Instrumente opportunistisch. "Wir haben zwar wegen der besseren Planbarkeit eine Vorliebe für Festzinsanlagen, sofern der Gesamtzinsmarkt attraktiv ist", so Thorstensen. Als die Basiszinsen bis 2022 nahe null lagen, und nur noch Aufwärtspotenzial herrschte, dominierten dagegen FRNs das Portfolio.

Skandinavische Besonderheiten – eine Option, kein Muss
Auch regional darf die Kraft-Mannschaft relativ beweglich agieren: Der Nordic High Yield Fund  investiert überwiegend in Skandinavien, kann aber europäische Beimischungen enthalten. Der Corporate Bond Fund wiederum verfolgt einen europaweiten Ansatz mit nordischem Schwerpunkt. "Wir halten uns zwar an das Mandat, sind aber bis zu einem gewissen Grad flexibel, wenn die Liquiditätskriterien, die Prämie, das Risiko und der Spread passen", betont Thorstensen.

Auf Dreijahressicht erzielte der Kraft High Yield Fund eine annualisierte Rendite von rund 15,2 Prozent, der Kraft Corpoarte Bonds Fond von 17,2 Prozent, bei Volatilitäten von nur 2,1 beziehungsweise 2,7 Prozent. Europäische High-Yield-Märkte lieferten nur den halben Return, bei einer höheren Volatilität. Die beiden Kraft-Strategien lagen auch deutlich vor US-amerikanischen High-Yield-Fonds sowie vor vergleichbaren Nordics-Produkten. Vor allem das Jahr 2024 erwies sich als Treiber mit fast 24 Prozent Plus im Hochzinsfonds und fast 33 Prozent im Corporate Bonds Fonds. 2025 lag die Performance bei elf und 12,3 Prozent.

Erstes Büro außerhalb Norwegens
Dass die bis vor kurzem nicht expansive Kraft Finans im deutschsprachigen Raum aktiv ist, ist dem Montis-Finance-Geschäftsführer Thomas Loszach zu verdanken, der die Gesellschaft nach Österreich holte, beziehungsweise dem Placement-Agenten Capatico, der Kraft in Deutschland vertritt. Beide hatten sich sich um den norwegischen Anbieter bemüht, der aktuell rund zwei Milliarden Euro verwaltet und dieses Jahr mit einer Filiale in Stockholm erstmals ein Büro außerhalb Norwegens eröffnet hat. (eml)