Von Max Frisch, dem Schweizer Schriftsteller, ist ein Zitat überliefert, das gut auf die heutige Zeit passt: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." In vielerlei Hinsicht wirkt das Coronavirus tatsächlich katastrophal: Die Welt steuert auf die schlimmste Rezession seit 100 Jahren zu, Millionen Menschen verlieren ihren Job, Hunderttausende sogar ihr Leben. Es fällt verständlicherweise schwer, dieser Krise etwas Positives abzugewinnen.

Dennoch hat Frisch recht. Die Krise zwingt viele Menschen dazu, sich neu zu orientieren. Wenn sie es schaffen, in dieser Situation nach vorn zu blicken, setzen sie Ideen in die Tat um, die sie sonst nie angegangen wären – und es entsteht etwas Neues. So löst die Krise Veränderungen aus und verhilft manchem Trend zum Durchbruch. Damit ist nicht nur das Naheliegende gemeint, etwa die Tatsache, dass viele Unternehmen die Digitalisierung nun noch engagierter vorantreiben werden. Vielleicht schärft insbesondere diese Krise auch das Bewusstsein dafür, dass die Menschheit bei dem Versuch, sich die Erde untertan zu machen, Demut üben sollte. Zur Erinnerung: Ein Virus, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem Wildtiermarkt vom Tier auf den Menschen übertragen wurde, kontrolliert gerade unser Leben – nicht umgekehrt.

Die "Fridays for Future"-Ideen setzen sich gerade in vielen Köpfen fest
Als die Menschen gezwungenermaßen in ihren Häusern bleiben mussten, war über Chinas Metropolen plötzlich wieder der blaue Himmel zu sehen, und Fische begannen Venedigs Kanäle zu entdecken. Auch wenn von der "Fridays for Future"-Bewegung gerade wenig zu hören ist, setzen sich ihre Ideen gerade in vielen Köpfen fest. In der Krise zeigt sich auch, welche Unternehmen tatsächlich sozial mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten umgehen – und welche sich nur in guten Zeiten selbstlos geben. Das alles hat auch Auswirkungen auf so profane Dinge wie die Geldanlage: Die Chancen stehen gut, dass Corona den Trend zu nachhaltigen Investments deutlich beschleunigen wird.

Vielleicht hilft die aktuelle Krise sogar bei der Erkenntnis, dass der Schutz des Klimas, der Weltmeere oder der bedrohten Arten letztlich nicht allein der Umwelt dient, sondern vor allem uns selbst. Auch dazu lässt sich bei Max Frisch ein Zitat finden, das ebenfalls von der Katastrophe handelt: "Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen."