Die seit Jahren anhaltende und vielstimmige ­Forderung nach mehr "Digitalisierung" hat im Zuge der Corona-Pandemie unerwartet Gehör gefunden Von der Videokonferenz über den Fernunterricht für Schüler bis zur Bestellung von Mahlzeiten über Lieferdienste nahm die Nutzung des Internets im Laufe dieses Jahres so stark zu, dass Netflix im Frühjahr 30 Tage lang sogar die Bitrate beim Videostreaming drosselte, um die Netze nicht zu überlasten. Man darf davon ausgehen, dass ein Teil dieser Verlagerung des Lebens ins Virtuelle auch nach der Beendigung der aktuellen Krise erhalten bleibt.

Betroffen sind davon fast alle Branchen, auch die Finanzdienstleistung. Und grundsätzlich ist es sinnvoll, bequem und auch umweltschonender, nicht für jeden Kundenkontakt zig Kilometer mit dem Auto hin und zurückzufahren. Allerdings nur dann, wenn sich die rechtliche Ausgangslage für den Dienstleister beim Geschäftsabschluss via Internet nicht spürbar verschlechtert. Derzeit ist das aber leider der Fall, denn die Regeln, die zum Fernabsatz von Finanzdienstleistungen eingehalten werden müssen, haben es in sich. Insgesamt neun unterschiedliche Gesetze müssen beachtet werden. In Summe sind dem Konsumenten 21 Informationen vor Vertragsabschluss nachvollziehbar zu übermitteln. Passiert hier auch nur ein einziger Fehler, löst dies ein unlimitiertes Rücktrittsrecht des Kunden aus. Dabei gehen sogar Rechtsexperten davon aus, dass es fast unmöglich ist, hier keinen Ansatzpunkt für einen möglichen Geschäftsrücktritt zu liefern. Wer daher auf der einen Seite fordert, dass "digitalisiert" wird, muss auf der anderen Seite die damit verknüpften Gesetze durchforsten. Dabei ist alles zu streichen, was erstens dem Absatz grundsätzlich im Weg steht und zweitens die rechtliche Situation des Wirtschaftstreibenden so verschlechtert, dass er nach getätigten Abschlüssen viele Jahre lang fürchten muss, dass ihm das ursprüngliche Geschäft wegen eines vernachlässigbaren Formfehlers um die Ohren fliegt.

Dass dies grundsätzlich die Absicht der Regierung ist, hat sie wiederholt kundgetan – früher oder später wird sie aber beweisen müssen, dass sie es auch ernst meint.