Die Bundesregierung hat mit der Reform der "Abfertigung neu" erstmals ernsthafte Bewegung in die zweite Säule des österreichischen Pensionssystems gebracht. Vor allem das Ende des Kapitalgarantie-Dogmas ist ein wichtiger Schritt. Denn Garantien schützen zwar vor kurzfristigen Verlusten, verhindern langfristig aber oft genau das, was Altersvorsorge leisten sollte: Vermögensaufbau.

Künftig können Arbeitnehmer freiwillig auf garantielose kapitalmarktorientierte Veranlagungen setzen. Auch die erleichterte Übertragung in Pensionskassen oder Lebensversicherungen ist sinnvoll. Damit erkennt die ­Politik erstmals an, dass langfristige Vorsorge ohne stärkere Kapitalmarktorientierung kaum mehr funktionieren wird. Doch trotz dieser Fortschritte bleibt Österreich im internationalen Vergleich weit zurück.

Während Länder wie Dänemark oder die Niederlande seit Jahren erfolgreich auf kapitalgedeckte Systeme setzen, trägt hierzulande weiterhin fast ausschließlich die staatliche Pension die Last. Die Folge: steigende Budgetzuschüsse und geringe private Vermögensbildung. Besonders deutlich zeigt sich der Reformrückstand im Vergleich zu Deutschland. Dort wurde mit dem Altersvorsorgedepot ein echter Systemwechsel in der dritten Säule – also der privaten Vorsorge – eingeleitet.

Erstmals soll staatlich geförderte private Vorsorge ohne Garantie- und Verrentungspflicht möglich sein. Deutschland öffnet damit bewusst die Tür für langfristigen kapitalmarktorientierten Vermögensaufbau. Zwar sorgt die geplante staatlich organisierte Standardvariante des deutschen Vorsorgedepots in der Finanzbranche für massive Kritik: Banken, Fondsanbieter und Versicherer sehen darin einen problematischen staatlichen Eingriff in einen eigentlich privatwirtschaftlichen Markt.

Dennoch zeigt Deutschland zumindest politischen Reformwillen und die Bereitschaft, private Vorsorge strukturell neu zu denken. Genau dieser Mut fehlt Österreich weiterhin. Die ­aktuelle Reform kann nur der Anfang sein. Österreich braucht endlich ein modernes kapitalmarktorientiertes Vorsorgesystem, das den Menschen langfristigen Vermögensaufbau ermöglicht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Österreich die private Altersvorsorge stärken muss, sondern ob die Politik den Mut aufbringt, den Bürgern echte Rendite zu erlauben, statt sie weiterhin mit der Illusion einer risikofreien Staatsgarantie arm zu verwalten.