Soeben wurde bekannt, dass die Raiffeisen Bank International (RBI) aus dem österreichischen Nachhaltigkeitsindex Vönix geflogen ist, in dem sie davor 13 Jahre ununterbrochen vertreten war. Unweigerlich fragt man sich, was vorgefallen ist, denn die RBI schreibt sich im Außenauftritt die Berücksichtigung ethischer Kriterien groß auf die Fahnen. Beobachtern dürfte etwa noch in Erinnerung sein, dass das Institut vor einem Jahr als erste österreichische Bank einen "Green Bond" in größerem Umfang emittierte.

Wer beim Vönix-Kompositeur "rfu" nachfragt, erfährt Erstaunliches:  Das Unternehmen sei nicht schlechter geworden, sondern wegen seines hohen Russland-Exposures von der Liste gerutscht. In dem Land sei es punkto ESG bekanntlich nicht einfach, insbesondere was die Governance betrifft. Aufgrund dieser allgemeinen Marktrisiken habe rfu das Basisrisiko angehoben.

Russlands Korruptions-Probleme sind lange bekannt
Nun ist Russland nicht erst seit gestern der wichtigste Einzelmarkt für die RBI. Ebenso belegen seit vielen Jahren alle ernstzunehmenden Korruptionsindizes, dass das Land ein überdurchschnittlich großes Problem bei Themen wie Bestechung, Vorteilsgewährung oder intransparenten Geldflüssen hat. Dass der RBI im Vönix nun plötzlich ihr Market-Exposure zum Vorwurf gemacht wird – nicht etwa ein spezifisches Verhalten – verwundert. Was soll die Botschaft sein? Eine Reduktion des Russland-Geschäfts kann wohl kaum verlangt werden.

Dass der Osten Europas oder Russland generell höhere Governance-Risiken mitbringen, haben gerade Anleger in Finanztitel immer wieder erfahren. In diesen Sog gerieten unlängst die Aktien mehrerer österreichischer Banken (darunter die RBI), nachdem im März 2019 eine Anzeige gegen die Institute wegen mutmaßlich zweifelhafter russischer Geldströme bekannt worden war. Ein glaubwürdiger Nachhaltigkeitsindex, der solche Belange berücksichtigt, hätte entweder das lang bekannte "marktübliche" Korruptionsausmaß bereits früher entsprechend gewichten müssen. Oder er dürfte individuelle Unternehmen nicht aufnehmen, wenn diese nicht für ein derartig herausforderndes Umfeld gewappnet sind. Eine Streichung nach 13 Jahren aufgrund geografisch bedingter ESG-Risiken scheint nicht folgerichtig.

Ungarn ist kein Thema: Was wird gemessen?
Das Beispiel demonstriert eine der Schwächen von Nachhaltigkeits-Siegeln oder Benchmarks: Für den Außenbetrachter ist nie ganz klar, was damit genau gemessen wird und vor allem in welcher Intensität. Interessant ist etwa, dass ein unternehmerisches Engagement in Ländern wie Italien oder Ungarn überhaupt keinen Einfluss auf die Vönix-Beurteilung hat, wie man dort erfährt. Dabei haben diese wichtigen österreichischen Handelspartner was Korruption angeht, ebenfalls keine weiße Weste (siehe Index von Transparency International). Ganz abseits der Korruptionsthematik könnte schon allein in Ungarn hinterfragt werden, warum ein Nachhaltigkeitsindex hier keine höheren Risiken ansetzt, da das Land durch die Machtkonzentration und Abschottungspolitik unter seinem nationalistischen Premierminister zunehmend im internationalen Abseits steht: Vielleicht interessiert es Anleger ja, wie ein österreichisches Unternehmen dort mit Arbeiterrechten umgeht, oder mit Werbeschaltungen nachdem mittlerweile bis zu 80 Prozent der ungarischen Medien mit der Regierung verbandelt sind.

Fazit: Man muss sich dessen bewusst sein, dass ethisch ausgerichtete Benchmarks äußerst beliebig komponiert sind. Man vergisst es nur leicht, weil Bezeichnungen wie Nachhaltigkeits-"Index" eine Nähe zu börsenrelevanten Orientierungs-Vehikeln wie ATX und Co suggerieren, wo harte quantitative Fakten wie Aktienanzahl und Streubesitz über eine Aufnahme entscheiden.

Kommunikation könnte verbessert werden
Am Ende kann man in der Neuzusammensetzung des Vönix aber auch zwei positive Seiten sehen. Zum einen spricht ein Austausch von Titeln grundsätzlich von einer lebendigen Indexkultur – keine Selbstverständlichkeit auf einem kleinen Kapitalmarkt. Zum anderen ist das Ausscheiden vielleicht auch ein Weckruf für die RBI, die bei der Kommunikation ihrer ESG-Erfolge, milde ausgedrückt, lasch ist.

Die Bank selbst möchte die Vönix-Entscheidung nicht kommentieren und verweist anstatt dessen auf ihr "gutes Rating bei ISS oekom". Im Nachhaltigkeitsbericht erfährt man, die RBI habe bei ISS oekom den "Prime Status" und notiere auf dem Beurteilungslevel C+. Klingt mittelmäßig, denn die Skala reicht von A+, exzellent, bis D-, sehr schlecht. Und die RBI macht sich auf 174 Seiten Nachhaltigkeitsbericht auch keine Mühe, zu erklären, was diese Note wirklich bedeutet.

Ein Mitarbeiter von ISS oekom klärt auf: Nur ein Bruchteil der 266 bei oekom gescreenten Geschäftsbanken schafft es überhaupt in den C-Bereich; und ein C+ haben außer der RBI nur die zwei niederländischen Institute ABN Amro und NIBC-Bank. Warum den Stake- und Shareholdern ein derart gutes Abschneiden nicht im Nachhaltigkeitsbericht aufgeschlüsselt wird, ist unverständlich.