Die Hauptversammlungen boten früher im Grund nur eine Plattform für Showeinlagen: Kleinaktionäre wetterten gegen den Kurs der Unternehmensführung, Aktivisten nutzten sie als Bühne für Proteste gegen Klimawandel, Waffenhandel oder den Kapitalismus im Allgemeinen. Die eigentlichen Entscheidungen fällten jedoch die Großinvestoren. Die winkten routinemäßig die Anträge der Führungsspitze eines Unternehmens durch. Eine Rebellion gab es – wenn überhaupt – nur hinter verschlossenen Türen.

Doch das ändert sich gerade. Fondsgesellschaften als große Investoren erheben immer häufiger öffentlich Kritik. Sie verweigern dem Management sogar zunehmend offen die Gefolgschaft. So lehnten beim Aktionärstreff des Chemieriesen Bayer zahlreiche Asset Manager die Entlastung der Konzernspitze ab. Ähnlich lief es auf den Hauptversammlungen des Schweizer Investmenthauses GAM oder der Großbank UBS.

Das ist im Sinne der Corporate Governance, also der guten Unternehmensführung, zu begrüßen. Zudem wirken die Fondsmanager auch auf anderen Feldern auf die Konzerne ein, etwa beim Umweltschutz oder der Achtung von Menschen- und Arbeitnehmerrechten. Manche Kommentatoren tun dies als Show ab, wenn Fondsgesellschaften auf den Hauptversammlungen Missstände anprangern und auf Veränderungen drängen. Konsequenter wäre, die Aktie des umstrittenen Unternehmens direkt aus dem Portfolio zu tilgen, so die Argumentation.

Diese Forderung ist durchaus verständlich – und viele aktive Fondsmanager gehen auch so vor. Doch etwa bei Investmentvehikeln, die sich an einem Index orientieren, liegt die Sache anders. Die Portfoliomanager eines ETFs sind an die Vorgaben des Barometers gebunden, das sie spiegeln sollen. Umso wichtiger ist, dass auch die Vertreter des passiven Asset Managements ihre Stimme erheben. Vanguard, Blackrock & Co. bauen tatsächlich ihre Kapazitäten aus, um hier ihrer Verantwortung als Treuhänder des Investorengeldes gerecht zu werden.

Weiterhin sollte die hinter verschlossenen Türen vorgebrachte Kritik nicht unterschätzt werden. So kursiert in Branchenkreisen die Anekdote, wie der frühere Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, wutentbrannt aus einem Gespräch mit Investoren stürmte, weil er ob seiner schwachen Strategie regelrecht gegrillt wurde. Bei den kritischen Fragestellern handelte es sich um die Portfoliomanager der eigenen Bank-Tochter, der damaligen Deutschen Asset Management. Wer hingegen keine Aktie eines Unternehmens hält, der hat auch kein Mitspracherecht – und kann nichts zum Besseren wenden.


Auf welche Werte wichtige Fondsgesellschaften bei der Corporate Governance setzen und welche Richtlinien sie aufstellten, lesen Sie in Ausgabe 2/2019 von FONDS professionell, die den Abonnenten in den kommenden Tagen zugestellt wird.