Bringt ein Asset Manager dieser Tage einen neuen Fonds auf den Markt, darf es schon als Ausnahme gelten, wenn er nicht das Kürzel ESG im Namen trägt. Die Frage ist meist nicht mehr, ob der Portfoliomanager bei der Titelauswahl Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt, sondern wie er das tut. Auch bestehende Fonds werden eifrig neu ausgerichtet, um dem Umweltschutz, sozialen Kriterien und Aspekten der guten Unternehmensführung Rechnung zu tragen. Die Asset Manager rüsten zudem personell auf: In den vergangenen zwölf Monaten wurden gefühlt so viele "Head of ESG", Nachhaltigkeitsanalysten und SRI-Spezialisten eingestellt wie in den fünf Jahren davor.

Das ist löblich. Die Asset-Management-Branche, so scheint es, entdeckt ihre Macht, Unternehmen in die richtige Richtung zu treiben – und die Welt damit zumindest ein klein wenig zu verbessern. Wenn Konzerne, die Streubomben herstellen, auf Kinderarbeit setzen oder das Klima zerstören, keine Geldgeber mehr finden, müssen sie umdenken. Einzelne Anleger können solche Unternehmen ignorieren, aber wenn sich viele Investoren zusammentun, müssen sie reagieren. Für die Gesellschaft ist es darum ein Fortschritt, dass die Fondsanbieter plötzlich so viel Wert auf ein nachhaltiges Wirtschaften legen.

In vielen Segmenten ist ESG heute schon der Standard
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, warum sie das tun – und warum gerade jetzt. Die Gründe sind vielschichtig. Da ist einmal das Risikomanagement: Wer bei der Titelauswahl nicht-finanzielle Aspekte berücksichtigt, reduziert die Gefahr, dass sein Investment floppt. Viele Reputations-, Regulierungs- und Managementrisiken lassen sich nun mal nicht durch das Studium der Bilanzen erkennen, sondern nur mit einer sauberen ESG-Analyse.

Noch wichtiger ist die Tatsache, dass die Nachfrage nach entsprechenden Produkten steigt. Immer mehr institutionelle Investoren fordern das Einhalten gewisser Nachhaltigkeitskriterien. Bewegungen wie "Fridays for Future" sorgen dafür, dass aber auch bei Privatanlegern ein Umdenken einsetzt. Nicht nur für die junge Generation ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihr Geld nachhaltig investiert wissen möchte, auch in vielen Private-Banking-Mandaten ist die ESG-Ausrichtung schon Standard. Zahlreiche Investmentprofis gehen ebenfalls mit dem Trend: Wer seinen Dienstwagen gegen ein Dienstfahrrad umgetauscht hat, achtet auch bei der Titelauswahl auf Nachhaltigkeit – nicht nur, weil die Kunden das wollen, sondern auch aus innerer Überzeugung.

Ein Multimilliarden-Markt wird neu verteilt
Der wichtigste Grund ist allerdings ein anderer: die EU-Regulierung. Fondsanbieter müssen in naher Zukunft offenlegen, wie sie Nachhaltigkeitsrisiken bei ihren Anlageentscheidungen berücksichtigen. Eine standardmäßige Integration von ESG-Kriterien in die Investmentprozesse ist da die logische Antwort. Hinzu kommt die Vorgabe für Banken und andere Wertpapierdienstleister, in der Anlageberatung die "Nachhaltigkeitspräferenzen" ihrer Kunden zu erfassen. Die Anleger müssen also gefragt werden, ob sie eine nachhaltige Geldanlage wünschen. Das dürfte die Nachfrage nach entsprechenden Produkten enorm befeuern.

Das alles hat zur Folge, dass in den kommenden Jahren ein multimilliardenschwerer Markt neu verteilt wird. Wer seinen Kunden keine nachhaltigen Portfolios anbieten kann, hat das Nachsehen – und wird Marktanteile verlieren. Weitsichtige Asset Manager tun darum alles dafür, sich heute schon entsprechend zu positionieren. Das ist der wahre Grund für die vielen Fondsauflagen und -umwidmungen – und den Boom am Arbeitsmarkt für ESG-Experten.