Zwei-Prozent-Leitzins bleibt bis 2027, meinen Ökonomen
Die EZB dürfte ihre Zinspolitik bis 2027 unverändert lassen. Laut einer Umfrage rechnen die meisten Ökonomen damit, dass der Einlagensatz bei zwei Prozent bleibt – auch wenn einzelne Stimmen weitere Schritte nicht ausschließen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte den Leitzins im Euroraum bis 2027 unverändert bei zwei Prozent belassen. Das geht aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur "Bloomberg" unter Ökonomen hervor.
Demnach wird erwartet, dass der Einlagensatz auch bei der geldpolitischen Sitzung am kommenden Donnerstag (30.10.) im italienischen Florenz beibehalten wird. Weitere Maßnahmen gelten jedoch nicht als ausgeschlossen: Ein Drittel der Befragten rechnet mit mindestens einer zusätzlichen Zinssenkung über die bisherigen acht hinaus, während 17 Prozent bis Ende nächsten Jahres eine Zinserhöhung erwarten. Als entscheidend gilt die Sitzung im Dezember, wenn erstmals Projektionen bis 2028 veröffentlicht werden.

Geldpolitik "in guter Position"
Die Währungshüter haben bislang keine weiteren Zinsänderungen signalisiert. Sie zeigten sich zufrieden mit dem Tempo des Preisanstiegs und der robusten Wirtschaft Europas. Laut EZB befindet sich die Geldpolitik derzeit in einer "guten Position", um flexibel auf neue Herausforderungen reagieren zu können.
Zahlreiche Belastungsfaktoren für Europa
An Herausforderungen mangelt es nicht: Europa steckt mitten im anhaltenden Handelskonflikt zwischen den USA und China, diesmal über Halbleiter und Seltene Erden. Zugleich belasten Kreditabstufungen Frankreichs die ohnehin angespannte Haushaltslage, und es wachsen Zweifel an der Wirksamkeit von Deutschlands Infrastruktur- und Verteidigungsplänen.
Eine mögliche Verzögerung beim neuen europäischen Emissionshandelssystem könnte den Inflationsdruck in den kommenden Jahren dämpfen. Gleichzeitig nähren überhitzte Vermögenspreise Befürchtungen über einen möglichen Marktcrash.

Warnung vor Risiken für den Euro
"Wir erwarten in diesem Jahr keine weiteren Zinssenkungen, aber die EZB wird sich alle Optionen offenhalten", sagte Dennis Shen, Ökonom bei Scope Ratings. Er warnte zudem vor einer deutlichen Aufwertung des Euro über 1,20 US-Dollar hinaus sowie vor weiteren Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve.
"Das Risiko Ende dieses oder im nächsten Jahr liegt eher bei einer weiteren Lockerung als bei einer Straffung", so Shen weiter.
Entscheidung im Dezember könnte Weichen stellen
Ein starkes Argument für eine zusätzliche Zinssenkung bestünde, falls die Dezember-Projektionen eine deutliche Unterschreitung des Inflationsziels von zwei Prozent für 2028 zeigen sollten. Ein Wert von 1,6 Prozent gilt als Schwelle, ab der eine weitere Reduzierung der Kreditkosten wahrscheinlich wäre.
"Goldlöckchen-Szenario" unter Druck
"Die EZB hält an ihrem Goldlöckchen-Szenario fest, demzufolge die vorübergehende Schwäche infolge höherer US-Zölle bald durch fiskalische Impulse in Deutschland ausgeglichen wird. So könne der Rat die Zinsen stabil halten", sagte David Powell, leitender Ökonom für den Euroraum bei "Bloomberg Economics". "Viel muss dafür richtig laufen – und wir haben Zweifel, dass das gelingt."
Handelskonflikte und politische Unsicherheiten
Lieferkettenprobleme, etwa in der europäischen Autoindustrie, zählen zu den größten Hindernissen. Sie haben sich verschärft, seit die niederländische Regierung unter US-Druck die Kontrolle über den chinesischen Chipproduzenten Nexperia übernommen hat – woraufhin Peking mit Exportbeschränkungen reagierte.
Auch die politische Lage bleibt angespannt: In Deutschland droht die öffentliche Stimmung gegen Bundeskanzler Friedrich Merz zu kippen, während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron weiter mit einer instabilen Regierung konfrontiert ist. (mb/Bloomberg)















