"Wrench Attacks" nehmen zu: Wenn Kryptohandel lebensgefährlich wird
Steigende Kryptopreise bringen auch steigende Risiken: Weltweit häufen sich gewaltsame Überfälle auf Trader. Sicherheitsfirmen verzeichnen wachsende Nachfrage, während Experten warnen, dass selbst kleinere Bestände Kriminelle anziehen können.
Um sich in der volatilen, pausenlosen Welt des Kryptohandels einen Vorteil zu verschaffen, gilt es, nahezu permanent online zu sein. In Telegram-, Discord- und Reddit-Foren tauschen Anleger Tipps, Memes und – wenn sie Glück haben – Screenshots ihrer Gewinne aus. Auch das Zurschaustellen teurer Anschaffungen wie Sportwagen oder Designeruhren dient dazu, Glaubwürdigkeit und Status zu signalisieren.
Solche demonstrativen Inszenierungen ziehen jedoch nicht nur neidische Beobachter an, sondern auch Kriminelle, die Hinweise suchen, um einem pseudonymen Trader einen echten Namen oder eine Adresse zuzuordnen.
Anstieg der Gewaltkriminalität
Mit dem deutlichen Preisanstieg von Bitcoin und anderen Kryptowährungen in den vergangenen drei Jahren hat auch die Zahl sogenannter "Wrench Attacks" zugenommen — gewaltsame Entführungen und Misshandlungen, um Opfer zur Herausgabe ihrer Bestände zu zwingen.
Im Mai wurden in Manhattan zwei Männer festgenommen, nachdem sie einen italienischen Krypto-Trader als Geisel genommen hatten. In Paris entging die Tochter eines Krypto-CEOs nur knapp einer Entführung, als maskierte Männer versuchten, sie in einen Transporter zu ziehen. Im vergangenen Monat verschaffte sich in San Francisco ein bewaffneter Angreifer, der sich als Lieferfahrer ausgab, Zugang zu einem Haus und stahl Kryptowährungen im Wert von elf Millionen US-Dollar.
Untererfasste Fälle und steigende Schäden
Laut einer Datenbank von Jameson Lopp, Mitgründer des Kryptowährungs-Sicherheitsunternehmens Casa, wurden in diesem Jahr weltweit rund 60 solcher Angriffe dokumentiert – mit Schäden in zweistelliger Millionenhöhe. 2024 waren es etwa 40. Experten vermuten jedoch eine deutlich höhere Dunkelziffer.
Ari Redbord, Global Head of Policy beim Blockchain-Analyseunternehmen TRM Labs, sagt, gewaltsame Kryptodiebstähle seien "deutlich untererfasst", da viele Opfer nicht an die Öffentlichkeit gingen.
Sicherheitsfirmen erleben stark steigende Nachfrage
Als Reaktion auf die wachsende Gefahr engagieren Trader zunehmend Sicherheitsfirmen, die ihre digitalen Spuren minimieren und persönliche Informationen entfernen sollen, die ein Risiko darstellen könnten. Auch im Alltag setzen sie auf mehr Vorsicht.
Der Begriff "Wrench Attack" stammt aus einem Webcomic, dessen Pointe lautet, dass selbst die ausgefeilteste Verschlüsselung nutzlos ist, wenn ein Angreifer mit einem Schraubenschlüssel nach einem Passwort verlangt.
Dieselben Leute, die "nur daran interessiert waren, Lamborghinis zu kaufen, zum Mond zu fliegen und Screenshots ihrer Krypto-Wallets zu posten", so Charles Finfrock, Gründer des privaten Informations- und Sicherheitsunternehmens Vigilance, sagen jetzt: "Ich habe wahrscheinlich einen Fehler gemacht. Ich muss meine Angriffsfläche verringern. Helfen Sie mir."
Professionalisierung der Sicherheitsbemühungen
Finfrock, ein CIA-Veteran und früherer Leiter globaler Cybersicherheitsuntersuchungen bei Tesla, verzeichnet einen deutlichen Kundenzuwachs unter Krypto-Tradern, die sich um ihre physische Sicherheit sorgen.
Sicherheitsfirmen wie Blackcloak, das Führungskräften beim Schutz ihrer Online-Profile hilft, und Solace Global, das vermögenden Privatpersonen physische und Cybersicherheit bietet, bewerben ihre Dienste inzwischen gezielt bei Kryptoanlegern. Deleteme, ein Unternehmen zur Entfernung persönlicher Daten aus dem Netz, meldet, dass sich die Zahl der Beschäftigten von Kryptofirmen, die den Dienst nutzen, im vergangenen Jahr verdreifacht hat.
Wie Sicherheitsfirmen vorgehen
Wenn Finfrock einen neuen Kunden übernimmt, durchsucht er zunächst das Internet nach Hinweisen auf dessen Wohnort und Vermögenslage. Er prüft Grundbucheinträge, sucht nach veröffentlichten Hausgrundrissen auf Maklerseiten und nutzt Satellitenbilder, um das Fahrzeug zu identifizieren. Anschließend kartiert er das soziale Umfeld des Kunden. Selbst scheinbar harmlose Fotos aus dem privaten Umfeld könnten Kriminellen helfen, Ziele auszumachen oder eine Entführung zu planen.
Auch mittlere Vermögen geraten ins Visier
Der Anstieg physischer Angriffe korreliere nicht nur mit dem steigenden Bitcoin-Preis, sondern auch mit der breiteren Nutzung der Kryptowährung, sagt Marilyne Ordekian, die 2024 eine entsprechende Studie veröffentlicht hat.
Ihren Daten zufolge waren viele Opfer keine Millionäre, sondern Menschen mit — wie sie es beschrieb – "Mittelschicht-Ersparnissen", also Tausenden oder Zehntausenden Dollar auf ihren Kryptokonten. Schon solche Beträge könnten genug Anreiz für Täter bieten.
Prognose: Risiko für kleinere Bestände steigt
Für das kommende Jahr prognostiziert Solace Global, dass Kriminelle verstärkt Personen mit "kleineren, aber dennoch bedeutenden Beständen" ins Visier nehmen werden, da vermögende Anleger ihre Sicherheitsmaßnahmen weiter ausbauen.
Im Vergleich zu traditionellen Investoren verfügen Kryptoanleger meist über weniger institutionelle Schutzmechanismen. Mehr als die Hälfte der Händler verwaltet ihre Wallets selbst, das heißt, sie kontrollieren ihre eigenen privaten Schlüssel, anstatt diese Befugnis einer Börse wie Coinbase oder Binance zu übertragen. Während Geldbewegungen über Bankkonten oftmals leicht nachverfolgt werden können, erschwert die relative Anonymität der Blockchain die Rückholung gestohlener Gelder erheblich.
Warum Kryptodiebstahl besonders gefährlich ist
Werde einer Person unter Zwang eine Überweisung abgenötigt, könnte eine Bank unter Umständen verpflichtet sein, den Schaden zu ersetzen, erklärt Finfrock. "Aber bei Kryptowährungen kontrolliere ich den gesamten Übertragungsmechanismus – das ist der größte Unterschied und das macht es so gefährlich."
Gleichwohl ließen sich durch zusätzliche Sicherheitsmechanismen Kryptotransaktionen besser absichern. So können Besitzer etwa "Multi-Signature"-Wallets einrichten, für deren Transaktionen zwei oder mehr Schlüssel — an verschiedenen Orten oder bei verschiedenen Personen — erforderlich sind. Außerdem können sie Zeitsperren einrichten, die Überweisungen nach ihrer Initiierung um mehrere Tage verzögern.
Dramatischer Fall um Ledger-Mitgründer
Éric Larchevêque, Mitgründer des Kryptosicherheitsunternehmens Ledger, verfügte über solche Maßnahmen, als er ein Video erhielt, das den abgetrennten Finger seines Mitgründers David Balland zeigte. Balland und seine Frau waren in ihrem Haus in Frankreich entführt worden, die Kidnapper forderten zehn Millionen Euro Lösegeld.
Larchevêque äußerte sich nicht im Detail zu seinen digitalen Schutzmechanismen, sagte jedoch, sie hätten ihm Zeit verschafft. Nicht die gesamte Lösegeldsumme wurde gezahlt – und laut Staatsanwaltschaft konnten nahezu alle transferierten Gelder nachverfolgt, eingefroren und schließlich sichergestellt werden. Balland und seine Frau wurden zwei Tage später befreit, zehn Personen wurden im Zusammenhang mit dem Angriff festgenommen.
Konsequenzen für den Alltag
Seit dem Vorfall achtet Larchevêque strenger auf Sicherheitsfragen. Er hat sein Umfeld angewiesen, mit seinen persönlichen Informationen diskret umzugehen, und Familienmitgliedern untersagt, Tiktoks oder Instagram-Stories zu posten, die Rückschlüsse auf den Echtzeit-Standort zulassen.
Für ihn und andere ist durch die "Wrench Attacks" klar geworden, dass physische Sicherheit ohne digitale Sicherheit nicht existiert. "Wenn jemand ein Selfie von mir auf der Straße machen möchte", so Larchevêque, "bitte ich ihn, ein paar Stunden zu warten, bevor er es veröffentlicht." (mb/Bloomberg)















