Die Wiener Börse stellt den Unternehmen in ihrem Top-Segment "prime market" frei, ob und wie sie die Quartalsberichterstattung (Q1 und Q3) gestalten. Die Änderung gilt ab sofort, verkündet das Unternehmen.

"Zeichen für langfristige Orientierung"
"Die Wiener Börse setzt damit ein Zeichen für langfristige Orientierung, Investieren ist ein Marathon und kein Sprint", sagt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse und ihrer Holding. Die Unternehmen könnten zusammen mit den Investoren selbst am besten beurteilen, welche Informationen in ihrer Branche erforderlich sind und welche Dichte der Veröffentlichungen sinnvoll ist. Zum Beispiel können so besser saisonale Schwankungen oder zyklische Geschäftsmodelle berücksichtigt werden.

Wien folge damit einem internationalen Trend. Die Europäische Transparenzrichtlinie setzte bereits 2013 auf Freiwilligkeit, und das österreichische Börsegesetz sieht seit Ende 2015 keine verpflichtende Quartalsberichterstattung vor. Bislang seien die Quartalsberichte der Wiener prime-market-Emittenten im internationalen Vergleich "umfangreich" gewesen, heißt es in einer Aussendung. Europäischen Börsen wie die Euronext-Gruppe, die London Stock Exchange und die Schweizer Börse würden ebenso Flexibilität in der Quartalsberichterstattung einräumen.

Trump und Co. dagegen
In den vergangenen Jahren waren immer wieder Rufe von Unternehmen und Experten laut geworden, den kurzfristigen Berichtsintervallen ein Ende zu setzen. Berichte im Drei-Monats-Takt erhöhen zwar zuerst einmal die Transparenz für die Anleger. Am Ende aber läuft so eine Vorschrift den Anlegerinteressen zuwider, die ja meist langfristiger Natur sind: Das Management wird – anstatt sich mit einem weiteren Horizont zu beschäftigen – zu Handlungen gedrängt, die einen kurzfristig ablesbaren Effekt haben.

Ganz davon abgesehen, dass die Quartalsberichte für Volatilitäten sorgen, die die Aktionäre oft unnötig Nerven kosten, könnte man sich mit größeren Berichtsabständen auch gewisse Spielchen sparen, die niemandem nutzen: Vielerorts wird zum Beispiel quartalsmäßig bei den Erwartungen tiefgestapelt, damit die Prognosen dann tatsächlich halten oder übertroffen werden. 

Mitte 2018 hatte auch US-Präsident Donald Trump über seinen bevorzugten Kommunikationskanal Twitter ein Ende der Quartalsberichte gefordert. Kommentatoren dies- und jenseits des Atlantiks hatten das als einen brauchbaren Tweet des US-Präsidenten hervorgehoben. Die Börsenaufsicht SEC stellt sich bisher aber dagegen. (eml)

Die neuen Voraussetzungen in den jeweiligen Börsesegmenten finden Sie im Anhang.