Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie versetzten der Weltwirtschaft und den Finanzmärkten einen schweren Schlag. Die Schockwellen waberten auch durch sämtliche Segmente des Rentenmarktes, inklusive solider Staatsanleihen. Dies führte auch bei Bondfonds letzten Endes zu teilweise gravierenden Folgen. "Als Erstes waren US-Treasuries betroffen. Das war sehr ungewöhnlich: Anleihen, die normalerweise zu fast identischen Konditionen gehandelt werden, hatten plötzlich unterschiedliche Preise, weil ihre Liquidität nicht die gleiche war", berichtet Sara Devereux, Leiterin Zinsen bei der Fondsgesellschaft Vanguard. "Das war das erste Anzeichen für einen Liquiditätsengpass am Markt."


Welche Fondssegmente und Domizile besonders viele Rücknahmen meldeten und wie die Aufseher auf die Entwicklung reagieren, lesen Sie im vollständigen Artikel "Dramatische Dürre" im neuen Heft 2/2020 von FONDS professionell. Angemeldete KLUB-Mitglieder finden den Text auch im E-Magazin.


Insbesondere Unternehmen lösten in dieser Ausnahmesituation scharenweise ihre Investments auf. Aus einem guten Grund: "In Stressphasen brauchen Unternehmen Bargeld", sagt Devereux. "Sie haben keine Einnahmen wie in normalen Zeiten, müssen jedoch weiterhin ihre Mitarbeiter bezahlen. Und Banken wollen Kredite vergeben." An einem normalen Tag sei die Beschaffung von Bargeld eine sehr geordnete, fast banale Angelegenheit. "Diesmal allerdings ging alles sehr schnell, und das war neu. Gleichzeitig war die Nachfrage nach Bargeld so hoch wie niemals zuvor."

Vor Ansturm kapituliert
Angesichts der Masse von Verkäufern kapitulierten die Bondhändler. Sie konnten die Papiere nicht mehr auf eigene Rechnung parken, bis sie Abnehmer fanden. "Die Bilanzen sind schlicht nicht groß genug für all diese Risiken, auch nicht vorübergehend", erläutert Devereux. Durch die striktere Regulierung nach der Finanzkrise 2008 hatten die Broker die Kapazitäten ihrer Handelsabteilungen beschnitten.

In der heißen Phase fielen somit die Intermediäre aus, die ein geschmeidiges Geschäft sichern. Die Spannen zwischen Geld- und Briefkurs klafften immer weiter auseinander, und der Handel mit festverzinsten Papieren fror zunehmend ein. "Deshalb mussten die Zentralbanken eingreifen und die Risiken in ihre Bilanzen aufnehmen", so die Vanguard-Expertin. Nach deren Eingriff entspannte sich die Lage deutlich.

Rücknahme ausgesetzt
Die fieberhafte Suche nach Bargeld fraß sich auch durch das gesamte Spektrum der Anleihenfonds. Zunächst zogen Anleger vorwiegend aus den liquiden Segmenten und jenen mit positiven Ergebnissen Mittel ab. Dann erfasste die Fluchtwelle auch die weniger liquiden Kategorien. Die massiven Abflüsse, gepaart mit der Tatsache, dass sich für zahlreiche Wertpapiere keine verlässlichen Kurse mehr feststellen ließen, brachten einige Vehikel in Bedrängnis.

Zeitweilig setzten 76 Publikumsfonds in Europa die Rücknahme von Anteilen aus, zählte die Ratinggesellschaft Fitch. Dies betraf Anlegergelder in Höhe von 40 Milliarden US-Dollar, kalkulierten die Analysten. Die Agentur zählte jedoch nur die öffentlich angezeigten Fälle. Das wahre Ausmaß ist größer. Der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA zufolge bezifferte sich das Vermögen in Fonds, die zusperrten oder andere Liquiditätsmaßnahmen ergriffen, auf 100 Milliarden Euro.​

Die Aussetzung von Rücknahmen sieht Alastair Sewell, der bei Fitch die Fonds- und Asset-Manager-Ratings für die Regionen Europa und Asien verantwortet, als Warnsignal. "Diese Fondsschließungen zeigen, wie verwundbar offene Bondfonds gegenüber Stressphasen am Markt sind." Die Vernetzung innerhalb der Finanzmärkte könne dazu führen, dass sich Fondsschließungen ausbreiten und eine Ansteckungsgefahr bestehe.

Hilfen für Fonds
Aus diesem Grund haben Zentralbanken rund um den Globus im Zuge der Pandemie gezielt Publikumsfonds gestützt, berichtet Sewell. Die Pakete summieren sich auf 90 Milliarden Dollar, errechneten die Fitch-Analysten. "Das Ausmaß dieser Unterstützung zeigt, wie sensibel die Regulierer gegenüber möglichen Systemrisiken sind, die von Fonds ausgehen und auf andere Bereiche der Finanzmärkte überspringen könnten."

Eine akute Bedrohung sieht Sewell aber nicht. Zahl und Volumen der eingefrorenen Portfolios seien mit Blick auf den Gesamtbestand europäischer Fonds gering. "Ich glaube nicht, dass die Flut an Fondsschließungen eine unmittelbare Bedrohung für die Stabilität des gesamten Finanzsystems darstellt", resümiert Sewell. (ert)