"Ich glaube, dass die Inflation dauerhafter als gedacht sein wird", sagt Carmen Reinhart, Chefökonomin der Weltbank im Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ). Damit bekundet sie Skepsis gegenüber den Beteuerungen der Zentralbanken, die von vorübergehenden Effekten sprechen. Keine Regierung bekundet offen, dass ihre Strategie darin besteht, Schulden wegzuinflationieren. "Aber irgendwie passiert es genau so", sagt Reinhart. Die Expertin beobachtet bei den Zentralbanken zwei Asymmetrien: "Erstens agieren sie bei der Lockerung ihrer Geldpolitik bedeutend aggressiver als bei der Drosselung. Und zweitens lassen sie sich bei der Drosselung auch sehr viel mehr Zeit. Zusammen ist das ein Rezept für höhere Inflation."

Hinzu kommt die große Unsicherheit als ein Kennzeichen der Corona-Krise, aus der sehr unterschiedliche Prognosen resultieren. So habe die amerikanische Notenbank zugeben müssen, das Ausmaß der Inflation unterschätzt zu haben, sagte Reinhart weiter gegenüber der NZZ. Die Pandemie dauere deutlich länger, als die meisten noch vor einem Jahr erwartet hätten, zudem steigen die Impfquoten vielerorts nur langsam, die Krise sei "global und sehr diffus", so die Ökonomin.

Warnung vor Selbstzufriedenheit
Reinhart rechnet damit, dass ein weiteres Anhalten der Krise dazu führen wird, dass auch die Inflation in die Verlängerung geht. Daher warnt sie vor Selbstzufriedenheit, wie sie sagt: "Viele Leute tendieren dazu, negative Schocks als temporär und positive Schocks als dauerhaft zu betrachten. Das ist ein Fehler, der allzu oft gemacht wird." (fp)