Mit Fondsmanagern von Mainfirst über chinesische Tech-Konzerne zu sprechen, konnte man sich bisher ähnlich vorstellen wie ein Gespräch mit einem Tesla-Manager über E-Motoren: Die Experten der Frankfurter Boutique zählen zu Profis, wenn es darum geht, Anlegerchancen in China auf den Punkt zu bringen. Dementsprechend schwer dürfte dem Team der aktuelle Schritt gefallen sein: "Aufgrund der aufkommenden Zweifel an der Unabhängigkeit der großen chinesischen Technologieplattformen verkaufen wir unsere Positionen", erklärt Frank Schwarz, Manager des Mainfirst Global Equities, in einer knappen Mitteilung. Im Fonds war China zuletzt das zweitwichtigste Land nach den USA mit einem Anteil von knapp zwölf Prozent. 

Radikaler Schritt wegen Machtkampf zwischen Behörden und Tech-Konzernen
Hinter dem radikalen Zug an der Reißleine steht die Angst, dass der Machtkampf, den sich chinesische IT-Riesen mit den Autoritäten des Landes derzeit liefern, zum Anlegerdesaster wird. Zwar gehen die Portfoliomanager nicht vom schlimmsten Fall, dem Totalverlust, aus. Aber: Man könne es "aktuell nicht mehr ausschließen", so Schwarz.

Chinas Autoritäten sorgen seit Wochen für Schlagzeilen, weil sie die Macht der Tech-Konzerne einschränken wollen. Öffentlich werfen sie den Unternehmen Wettbewerbsverstöße vor. Doch anscheinend gehen die Behörden auch im Hintergrund vor: Unlängst wurde bekannt, dass der Gründer des IT-Riesen Alibaba, Jack Ma, von der Bildfläche verschwunden ist. Das weckte Erinnerungen an frühere Fälle, wo beim Regime in Ungnade gefallene Persönlichkeiten für Monate nicht greifbar waren. Die Unzufriedenheit der Behörden mit der Alibaba-Gruppe war seit längerem bekannt: Im November des Vorjahres wurde der Börsengang der Tochter Ant Group (Chinas größtes Fintech) in letzter Minute von den Aufsehern der Volksrepublik abgeblasen. Alibaba-Gründer Ma übte zuletzt laut Kritik am chinesischen Finanzsystem.

"Plan zur staatlichen Kontrolle"
"Die chinesischen Behörden arbeiten möglicherweise an einem Plan zur staatlichen Kontrolle von Alibaba und der Ant Group wegen mutmaßlicher monopolistischer Strukturen. Auch das Social-Media-Unternehmen Tencent und der E-Commerce-Konzern Meituan stehen nach Berichten im Fokus der Behörden", heißt es bei Mainfirst.

Dazu komme noch die zunehmende Gefahr eines Delistings chinesischer Technologie-Firmen an US-amerikanischen Börsenplätzen: Kürzlich setzte das US-Verteidigungsministerium gut 30 chinesische Titel auf eine Blacklist, denen der Handel an US-Börsen verboten werden sollte. Darunter auch Alibaba und Tencent. Ihnen wird eine Unterstützung des chinesischen Militärs vorgeworfen. Mittlerweile wurde der Bann zurückgezogen. Es gibt aber berechtigte Zweifel daran, dass das Delisting dauerhaft vom Tisch ist: die USA und China befinden sich in einem tiefen Handelsstreit. Mainfirst-Manager Schwarz ist ebenfalls skeptisch und sieht Kursrisiken: "Die Folge wäre ein Ausscheiden aus großen Aktienindizes, was den automatischen Abzug von passiven Anlagegeldern mit sich bringen würde."

Dennoch sieht er im Plattformentrend weiterhin Chancen für Anleger. "Das drohende Aus für westliche Investoren bei großen chinesischen E-Commerce-Titeln schmälert nicht die generelle Attraktivität der globalen Branche. Plattformen bleiben grundsätzlich ein attraktives Investmentthema, das sowohl in Asien, Europa als auch in den USA zu finden ist", so Schwarz. (eml)