Der klare Sieg von Amtsinhaber Emmanuel Macron bei der Stichwahl zum französischen Präsidenten hat an den Finanzmärkten für Erleichterung gesorgt. Holger Schmieding, der Chefvolkswirt von Berenberg, schreibt in einer ersten Reaktion von einem "tiefen Seufzer der Erleichterung": Frankreich, der Ukraine und ganz Europa bleibe der "Le-Pen-Albtraum" erspart.

Dem vorläufigen Endergebnis zufolge stimmten am Sonntag 58,5 Prozent der Franzosen für Macron, seine rechtsradikale Herausforderin Marine Le Pen kam auf 41,5 Prozent. Vor der Wahl war mit einem deutlich knapperen Ausgang gerechnet worden.

"Wenig Aufwärtspotenzial"
Die meisten Finanzmarktteilnehmer hatten zwar eine Wiederwahl Macrons erwartet, nachdem sich der Abstand zwischen den beiden Kandidaten in Umfragen der letzten Woche ausgeweitet hatte. "Andererseits sorgte die Genauigkeit von politischen Umfragen – oder besser gesagt ihr Mangel an Genauigkeit – in den letzten Jahren dafür, dass die Anleger immer etwas nervös sind", meint Seema Shah, Chefstrategin bei Principal Global Investors. Auch sie spricht daher von einem "erleichterten Aufatmen" nach der Wahl.

Gemessen an der Alternative sei das Ergebnis eine gute Nachricht für den Euro und die Kurse französischer Staatsanleihen und Bankaktien. "Doch angesichts des breiteren makroökomischen Ausblicks seit dem Krieg in der Ukraine lässt sich auf kurze Sicht bei diesen Vermögenswerten nur wenig Aufwärtspotenzial erkennen", kommentiert Shah. "Unserer Meinung nach ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Europa dieses Jahr in einer Rezession beenden wird – daran ändert auch Macrons Wahlsieg nichts."

Das eigentliche Problem bleibt ungelöst
Auch Frédéric Leroux, Mitglied des Investmentkomitees bei Carmignac, betont, dass die eigentlichen Probleme nicht gelöst seien. "Ist das Ergebnis dieser Wahl klar genug, um zu erwarten, dass der Präsident bei den Parlamentswahlen im Juni eine Mehrheit erhält, die es ihm ermöglicht, seine von den Märkten gewünschte wirtschaftsfreundliche und pro-europäische Politik umzusetzen?", fragt er in einem Marktkommentar. "Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es gefährlich, dies als selbstverständlich anzusehen."

Längerfristig stelle ohnehin die anhaltende Inflation die größte Herausforderung für die Wirtschaftspolitik. "Es ist keineswegs klar, dass die Wirtschaftsprogramme, mit denen der Präsident und die Abgeordneten gewählt werden, auf dieser immer deutlicher werdenden Realität aufbauen", mahnt Leroux. "Und Frankreich ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme." (bm)